Der Formulierungsreichtum mancher Industriepreise, ihre Gewinne oder Dividenden zu bagatellisieren, ist zuweilen erstaunlich groß. Dabei sind gute Gewinne, wenn sie im Markt erworben werden, durchaus "marktkonform" und gehören zum Wesen der derzeitigen deutschen Wirtschaftspolitik. Natürlich sind die Gründe, weswegen man sich mancherorts scheut, ein gutes Jahresergebnis nach außen hin, zuzugeben und sich zu seinen Gewinnen zu bekennen, der verschiedensten Art. Sie sind auch verständlich, aber diese Bekenntnisscheu paßt trotzdem nicht in das Bild unserer Marktwirtschaft.

Anlaß zu diesen einleitenden Bemerkungen gibt uns ein großer deutscher Wirtschaftszweig, der die an sich durchaus begrüßenswerte Gewohnheit hat, unter Führung seines Verbandspräsidenten alle paar Monate einen sogenannten Pressetee zu veranstalten. Dabei entwickeln sich allerdings auch stets fruchtbare Diskussionen zwischen den Unternehmern und Vorstandsmitgliedern dieses Wirtschaftszweiges und den geladenen Wirtschaftspublizisten. Aber es gehört auch zum Gesamtbild dieser Veranstaltungen, daß immer irgend jemand "über die gegenwärtige Lage" klagt. Dieses Klagen ist bedauerlicherweise fast zu einem Massengesang in der deutschen Wirtschaft geworden.

Die deutsche Wirtschaftspublizistik hat seit 1948, also während der Jahre eines, glänzenden Aufschwunges der deutschen Industriewirtschaft, nur immer Klagen gehört. Das nimmt in den Redaktionen kein Mensch mehr tragisch. Auch in der Leserschaft ist es so. Deshalb muß es einmal offen und deutlich gesagt werden: Die Wirtschaftspublizistik weiß sehr genau zu unterscheiden, wann und wo solcherlei Klagen nur Routinearbeit von Verbandsgeschäftsführern sind und wo wirklich Not am Mann ist. Wenn aber, wie kürzlich bei jenem Pressetee, allen Ernstes auf eine Zwischenbemerkung hin erklärt wurde, daß gerade die von der Presse zitierten Dividenden der Aktiengesellschaften jener Branche "ein Zeichen der inneren Armut und des schlechten Geschäftsganges" seien, dann ist wirklich des Guten zuviel getan.

Man soll die Psychologie des "Mitleidens", das die Wirtschaftspresse gern in gewissem Umfang mitmacht, nicht allzusehr strapazieren. In jenem Falle mußte man sogar hören, daß die Dividenden "nur" aus optischen Gründen gezahlt würden. Diese Dividenden sollten zum Ausdruck bringen, daß die Gewinne auszahlenden Unternehmen kreditfähig und rentabel seien. Die Dividenden würden aber "ausschließlich" aus der Substanz der Werke gezahlt. Es wären eigentlich Beträge, die in die Abschreibungen gehören würden und die zu neuen Maschinenkäufen, zur Modernisierung und Rationalisierung hätten eingesetzt werden müssen, "wenn man ordnungsgemäß bilanzieren könnte". Aber da "der andere" Dividenden zahle, müsse man eben auch mitmachen, obwohl man eigentlich der Bilanz entsprechend Verluste hätte.

Sicher gibt es hier und da in der deutschen Wirtschaft gewisse Rücksichtnahmen aufeinander. Wir brauchen nur an die Großbankdividenden zu erinnern. Aber dabei sind andere Gründe maßgebend. Wir halten es dagegen für eine gefährliche Entwicklung, wenn in der deutschen Unternehmerschaft die Optik höher gesetzt wird als die Substanz – ganz abgesehen davon, daß wir den hier zitierten Auffassungen inhaltlich mit größter Skepsis gegenüberstehen. Jene Industrie hat nämlich in den vergangenen Jahren außerordentlich gute Gewinne gemacht. Sie hat gewiß auch sehr häßliche und zehrende Monate hinter sich bringen müssen. Aber wir möchten dennoch vorschlagen, Klagelieder nicht zum Morgen- und Abendgebet zu erheben. -lt