Die Mitgliederversammlung des Mineralöl-Zentralverbandes (Sitz Hamburg) im Landtagsgebäude von Düsseldorf hat wieder einmal gezeigt, daß die deutsche Wirtschaft ihre Konturen nicht nur vom Wirken großer. Konzerne her erhält, sondern gerade auch aus der Summierung einer Fülle kleiner und mittlerer Unternehmerfirmen. So bestehen auf dem Gebiete der Mineralölwirtschaft neben dem halben Dutzend der Großkonzerne in der Bundesrepublik etwa 800 mittelständische Betriebe, die zu 65 v. H. in dem Zentralverband organisiert sind. Sie umfassen sowohl Verarbeitung wie Binnen- und Importhandel. Ihr Marktanteil repräsentiert eine Summe von rund 700 Mill. DM Jahres-Umsatzvolumen. Diese 700 Mill. DM bedeuten im Verhältnis zum Gesamtumsatz (400 000 t Schmierölprodukte, 2,1 Mill. t Vergaserkraftstoffe und 2,2 Mill. t Dieselkraftstoffe) einen Marktanteil des mittelständischen Gewerbes von etwa 30 v. H. an Motorenölen, 50 v. H. an sonstigen Ölen und Fetten, 10 v. H. an Vergaserkraftstoffen und 14 v. H. an Dieselkraftstoffen.

Durch die Gespräche der Mitgliederversammlung zog sich wie ein roter Faden die Sorge, daß Manipulationen der "Großen" den Marktanteil der "Mittelständischen" weiter einengen würden. Es würde ein ungleicher Konkurrenzkampf losbrechen, wobei die "Großen" als Brecheisen gegen die übrigen Konkurrenten das Mittel der Präferenzzölle benutzen wollten. Auf der Tagung wurde die Wiedereinführung des Präferenzzollsystems für Fertigwarenimporte als drohendes Gespenst hingestellt; Bundeswirtschafts- und Bundesfinanzministerium wurden beschwören, die Finger davon zu lassen: der deutsche Markt brauche die freie Konkurrenz der importierten Fertigwaren als Preisregulativ. Anderenfalls würden die Inlandspreise nur von der kleinen Gruppe der Konzerne "gemacht" werden, und zwar derart, daß jene "Großen", die für die 800 mittelständischen Betriebe sowohl Vorlieferanten wie Konkurrenten im veredelten Fertigprodukt sind, erdrückende Marktmethoden praktizieren würden.

So klang es aus den Äußerungen des Verbandes wie einzelner Mitglieder aus allen Teilen der Bundesrepublik. Wir glauben aber, daß die Sorgen ein wenig zu heftig zum Ausdruck gekommen sind. Die derzeitige deutsche Wirtschaftspolitik hat wenig Charakterzüge, die auf den Willen zur eingeschränkten Wettbewerbswirtschaft hindeuten könnten. Wir glauben vielmehr, daß Einschränkungen des Wettbewerbs dieser Art keine Gegenliebe im BWM oder gar im Bundestag finden würden, der ja schon einmal eine entsprechende Gesetzesvorlage abgelehnt hatte (März 1953). Ob das Bundesfinanzministerium ernsthaft mit dem Ziele der Wiedervorlage eines solchen Antrags, nämlich Wiedereinführung des Präferenzzolles für Mineralöl-Fertigprodukte in Höhe von etwa 59 DM je t arbeitet, bleibe dahingestellt. Zur Zeit untersucht es die Kostenlage gewisser deutscher Erzeugungsstätten und vergleicht diese mit entsprechenden Wahrscheinlichkeitsberechnungen der ausländischen Konkurrenz. Unseres Wissens sind auch die Konzerne (wie Esso, Shell, BP Olex und Benzolverband) bei weitem nicht so stark an dieser Frage interessiert, wie es scheinen könnte.

Dennoch hat die Tagung insofern ihren Erfolg gehabt, als sie zu einem geschlossenen Bekenntnis des Lebenswillens der mittelständischen Firmen der Mineralölwirtschaft, geworden ist und den unbedingten Wunsch zum Ausdruck brachte, die Wettbewerbswirtschaft und den Import als Preisregulativ aufrechterhalten zu wollen. Dies ist sowohl für den Fabrikanten aller Größengrade wie für den Handel und nicht zuletzt für den Verbraucher von Nutzen. Rlt.