Die gegen Schluß der abgelaufenen Börsenwoche einsetzende leichte Kursrückläufigkeit an den Aktienmärkten hatte Ihren unmittelbaren Anlaß in den Meldungen über nicht zu vermeidende Feierschichten im westdeutschen Kohlenbergbau. Hinzu kam die mehrund mehr um sich greifende Enttäuschung über die Schäffersche Steuerreform, von der behauptetwird,sie sei weiter nichts alseine kunstvoll aufgebaute Zahlenakrobatik, dieim Grunde der Wirtschaft kaum Erleichterungen bringe. Solche und ähnliche Argumente drückten wohl auf die Stimmung, doch viel realer scheint sich der immer noch nicht ganz überwundene Steuertermin vom 10. Märzauf das Wertpapiergeschäft ausgewirkt zu haben. Die aus dem Wirtschaftskreislauf herausgezogenen 3 Mrd. DM haben zu einer Versteifung des Geldmarktes beigetragen und die Bewegungsfreiheit der Kundschaft eingeengt, so daß das anfallende wenige Material zu rückläufigen Bewegungen führte. Die ermäßigten Kurse werden jedoch eines Tages wieder der Anreiz für neue Käufer sein, denn in Bank- und Börsenkreisen ist man trotz der zurückliegenden Aufwärtsbewegung nach wie vor der Meinung, daß das jetzt erreichte Kursniveau insgesamt gesehen noch keineswegs zu hoch ist.

Man kann damit rechnen, daß sich das Ausland trotz des auf 91 1/2 v. H. gestiegenen Sperrmarkkurses auch weiterhin für deutsche Papiere interessieren wird... Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, namentlich zur Schweiz, bietet der hohe Zinsfuß der Bundesrepublik dem ausländischen Anleger reizvolle Renditenmöglichkeiten, die im übrigen dazu beitragen daß von den in den letztenMonaten geschaffenen Transfer-Erleichterungen für Sperrmark nur ingeringen Umfange Gebrauch gemacht wird. Welches Vertrauen man der westdeutschen Industrie entgegenbringt, zeigt die Tatsache, daß die Kapitalerhöhung bei Ford von 20 Mill. DM nahezu ausschließlich über Sperrmark erfolgt ist. 64 v. H. der 20 Mill. DM sind allein von der Muttergesellschaft der Ford-Motor-Company, Detroit, aufgenommen worden. Eine Unterbringung der neuen Aktien auf dem westdeutschen Kapitalmarkt wäre allein schon an der Dividendenpolitik der Ford AG gescheitert, die erklärt hat, daß man auch für 1953 nur 3 v. H. zahlen will. Der Kurs der Ford-Aktien fiel daraufhin auf 90 v. H. zurück.

Die Auslandskäufe konzentrierten sich auf die Standardpapiere des deutschen Marktes, wobei jene Gesellschaften bevorzugt wurden, die von der Freigabe des in den USA beschlagnahmten deutschen Vermögens profitieren werden. Die in diesen Kreis gehörenden IG-Farben-Nachfolger konnten allerdings ihre in der vergangenen Woche erreichten Höchstkurse nicht halten. Über die bisherigen Dividendenschätzungen von 8 v. H. sind in unterrichteten Kreisen Zweifel aufgetaucht: neuerdingshält man 7 v. H. für wahrscheinlicher. EndgültigeKlarheit bringen die in etwa vier Wochen stattfindenden Aufsichtsratssitzungen. Bei den Liquidationsanteilscheinen gab es neue Auftriebstendenzen durch Nachrichten, die von einer möglichen Umgliederung innerhalb des Restvermögens sprechen, durch die die aus dem USA-Vermögen anfallenden Mittel gegen Hergabe eines entsprechenden Äquivalents allein der Liquidationsmasse zugute kommen sollen. – Anscheinend gut unterrichtete Kreise des Auslandes trieben den Schering-Kurs durch weitere Käufe bis 290 v. H. hinauf. Dieser Kurs ist für die alten Schering-Aktionäre insofern bemerkenswert, als er ungefähr dem Pari-Stand des alten Schering-AK von 64 Mill. RM vor der Zusammenlegung entspricht.

Von den Montanen konnten sich die dividendenstarken Werte am besten behaupten. Papiere, bei denen die Rendite noch ungewiß, ist, mußten mehr oder weniger große Punktverluste hinnehmen. Ver. Stahl fielen von 243 auf 233 v. H. zurück, Ilseder Hütte 140–132 v. H. und Stamag 115 1/2–110 1/2. Bei den Mannesmann-Nachfolgern rechnet man mit einer einheitlichen Dividende von 6 v.H. Von den diversen Nachfolgegesellschaften stehen die Handelsunternehmen (Handelsholding 125 v. H.) in der Bewertung an erster Stelle, gefolgt von den Verarbeitungsgesellschaften (Klöckner-Humboldt-Deutz 128 v. H., Dt. Edelstahl 102 1/2 v. H.). An dritter Stelle rangieren die Hüttenwerke und an vierter Bergbauunternehmungen.

Am Bankenmarkt gelangten zu Beginn dieser Woche die Großbanken-Nachfolger zur amtlichen Notiz, nachdem bereits vorher die neuen RM-Aktien (Ausgabe 1952) der ehemaligen Großbanken amtlich gehandelt wurden. An den Kursen änderte sich nichts. Für Reichsbank-Anteile zeigte sich vorübergehend etwas Kaufneigung; neue Argumente in derUmwandlungs- oder Entschädigungsfrage wurden nicht in die Debatte geworfen.

Von der gedrückten Stimmung nur wenig berührt varen die Elektrowerte, bei denen die veröffentlichten Bilanzen von AEG und Siemens mit ihren gestiegenen Umsatzzahlen dem Pessimismus keinerlei Raum gaben. – Mit Spannung erwartet. die Börse die Dividendenerklärung bei Conti-Gummi. Da bereits 1952 7 1/2 v. H. gezahlt wurden, würde die Ermäßigung der Körperschaftsteuer ohne weiteres eine Erhöhung der Dividende auf über 10 v. H. zulassen. Man erwartet, daß die Gesellschaft auf Grund der günstigen Geschäftslage diesen Satz nach oben abrunden wird. Der Kurs stieg von 167 1/2auf 172 1/2. Mit einer Dividendensteigerung rechnet man auch bei Phönix-Gummi, obwohl hier noch keine Taxen zu hören waren.

Bei den Spezial- und Lokalwerten gab es Sonderbewegungen: nach lebhafter Nachfrage wegen der von 5 auf 7 v. H. erhöhten Dividende stieg der Kurs der Dortmunder Actien-Brauerei um 8 Punkte von den Bauwerken gewannen Holzmann 6 Punkte (Dividende 6 v. H.?): Leder Wieman büßten 5 Punkte ein; Dessauer Gas waren um 2 1/2 Punkte schwächer.

Am Rentenmarkt kreiste die Diskussion um die Abfindung für die Reichsschatzanweisungen. Die hier angestrebte "soziale" Lösung des Bundesfinanzministers stößt auf scharfen Widerstand aller am Kapitalmarkt interessierten Kreise, die an einer 10:1-Umstellung unbedingt festhalten wollen. Der Kurs der Reichsschatzanweisungen ist auf 3 1/4 v. H. gesunken, nachdem er bereits einmal auf 4 1/4 v. H. heraufgeklettert war. – Der übrige Rentenmarkt trat gegenüber dem Aktiengeschäft in den Hintergrund. Der Kurs für die neu eingeführte 7 1/2-v.-H.-Anleihe der AG für Berg- und Hüttenbetriebe, Berlin/Salzgitter-Drütte, stellte sich auf 94 v. H. Unter Berücksichtigung des Rückzahlungsagios und einer mittleren Laufzeit von 10 Jahren ergibt sich für den inländischen Anleger eine Nettoverzinsung von 6.2 v. H., für Ausländer, die die 30 v. H. Kapitalertragsteuer auf Antrag zurückerhalten, macht die Rendite unter Berücksichtigung des Rückzahlungsagios etwa 8 1/2 v. H. aus. -ndt