Von Martha Maria Gehrke

Als ich in Augsburg in ein bemerkenswert kümmerliches III. Klasse-Abteil – was sind wir doch wieder verwöhnt! – des "Orient-Expreß Wien–Paris" stieg, saß da ein löwenhafter älterer Herr, viel zu breit für die enge Holzbank. Auch die Stimme in ihrer unverkennbaren deutsch-russischen Klangfarbe sprengte den Raum – es war Fedor Stepun, der russische Soziologe und Literarhistoriker. "Ich fahre nach Ulm", sagte er, "ich halte da einen Vortrag über Tolstoj – mit Klavierunterbrechung. Ja, natürlich in der Volkshochschule. Ich spreche seit der Gründung der Schule dort immer wieder." –

Der Anfang der Volkshochschule Ulm liegt fast sechs Jahre zurück. Im Sommer 1945, als noch kaum ein regulärer Zug durch das geschlagene Land fuhr, setzte sich in Ulm einer aufs Fahrrad und versuchte, Speise für die geistig Hungernden heranzuschaffen. Das erste Plakat, das die verstörten, ratlosen Menschen zu einem Vortrag lud, trug den großen Namen Romano Guardinis; nach Guardini kamen andere: Gelehrte, Literaten, Künstler und schon bald beschloß der Kulturbeauftragte der jammervoll zertrümmerten Stadt, aus diesem verheißungsvollen Beginn die neue Ulmer Volkshochschule zu entwickeln. Er übertrug die Leitung der jungen Inge Scholl, der Schwester von Hans und Sophie, den von den Nazis hingerichteten Führern der Münchner Studentenrevolte.

Heute sind über 2500 Hörer vorhanden – und dies in einer Mittelstadt von knapp 70 000 Einwohnern! –, von dienen nur rund 200 keine Gebühren zahlen. Die anderen zahlen monatlich 2 DM, wofür sie die regelmäßigen Veranstaltungen, das heißt Vorträge, Kurse, Arbeitsgemeinschaften sowie Dichterlesungen, besuchen können. Sie sind nicht gezwungen, sich zu Beginn des Trimesters (das Arbeitsjahr beginnt am 1. September und endet am 31. Juli) auf den oder jenen Kurs festzulegen, sondern können erst einmal überall hereinschnuppern und dann wählen. Die daraus entstehende Unruhe des Trimesterbeginns wird erfahrungsgemäß ausgeglichen durch nachfolgende größere Arbeitsstetigkeit. Der geistige Kernpunkt sind die Donnerstag-Vorträge, die jeden Monat ein Sonderthema durch mehrere Redner behandeln lassen. (Wirtschaft – Was ist Marxismus? – Wie sollen wir Bilder sehen? – Weisheit des Ostens – Römische Gärten und Brunnen – Ein Jahrhundert bittet um Frieden – sind ein paar Beispiele.) Im "Kurs" hingegen wird in 3 bis 12 Abenden von einem ständigen Lehrer ein bestimmten Stoff behandelt. Ich notiere aus einem zufällig herausgegriffenen Programmheft: Die Einsamkeit des modernen Menschen, dargestellt in der Literatur der Gegenwart; Dein Haus und deine Wohnung; Musik unserer Zeit; Reinecke Fuchs und der Gedanke der Macht; Werden und Wandlungen des Ulmer Altstadtbildes. Daneben ein Kurs für technisches Zeichnen; ein Werkkurs für Lederarbeiten; Aufgaben der Schule; Das neue Buch; Was geschieht im Bundestag? und dazu die üblichen Kurse in Fremdsprachen, Mathematik, Steno, Buchführung, Lautenspiel, Malen, Gymnastik. Die Arbeitsgruppen, die nicht mehr als 15 Teilnehmer umfassen, gleichen den Seminaren der Universitäten, aber es gibt auch praktische, wie etwa die das für Gestaltung, an der zur Zeit drei Drucker, ein Schreiner, ein Metallarbeiter, ein Bühnenbildner, ein Fotograf, ein Maler teilnehmen. Hier wird gerade an einem Fotowerbeprospekt gearbeitet und außerdem der Versuch gemacht, einen Ideal-Schreibtisch für einen Verleger zu konstruieren, wie er ihn bisher in keinem Möbelhaus finden konnte.

Was sind das überhaupt für Leute, aus denen sich diese Hörerschaft von 2500 zusammensetzt? Altersmäßig überwiegt die Gruppe der 18- bis 35jährigen (49,5 v. H.); 19,5 v. H. sind unter 18 Jahre und 31 v. H. über 35 Jahre; der Anteil der Männer (45,5 v. H., also fast die Hälfte) ist bemerkenswert. Soziologisch gesehen überwiegen Angestellte und Handwerker (34,5 v. H.), es folgen Schüler und Lehrlinge (25,5 v. H.), dann kommen Hausfrauen und Akademiker. Die Besucherzahl der Arbeiter ist sehr gering: 7 v. H. Da half keine Werbung, keine Postwurfsendung, auch nicht die Unterstützung der Gewerkschaften. Aber die Volkshochschule wollte sich dieses wichtige Publikum nicht entgehen lassen; sie beschloß einen neuen Weg zu gehen, den direkten in die Betriebe. Sie veranstaltete in den Kantinen verschiedener großer Werke zunächst Lichtbildvorträge mit einfacheren Themen – Eisgipfel unter Tropensonne; Durch die Wunderwelt des Nordens – und im totalen Gegensatz zu den düsteren Voraussagen der Werkleitungen waren die Kantinen rappelvoll, die Aufmerksamkeit gespannt und besonders der Erfolg Eric Hesselbergs, der über seine Kon-Tiki-Fahrt berichtete, durchschlagend. Natürlich wird man den Versuch, der für die Arbeiter kostenlos ist, fortsetzen.

Bei der Anmeldung bekommt jeder einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem er sein Interessengebiet unterstreichen kann. Arme Demokratie – ganze 3 v. H. merkten 1950 "Politik" an. Selbst das nächstschlechte "Singen" brachte es auf 7 v. H. An der Spitze lagen Literatur und Kunst mit 41 und 42 v. H. Aber das beweist noch nicht viel, sagt die Leiterin. "Es erscheint eben allen den jungen schulentlassenen Menschen als etwas "Höheres". Wenn man mit ihnen redet, merkt man erst, wie ahnungslos sie sind, wie unsicher und unzugänglich. Man muß unendlich viel Geduld haben, um sie aufzulockern, zu einer eigenen Meinung zu bringen. Nach und nach geht es. Wir rufen sie immer wieder in kleinen Gruppen zu uns, um ihre Ansichten und Wünsche kennenzulernen. Dann kann man freilich auch Überraschungen erleben. Zum Beispiel waren alle aufs tiefste beeindruckt von Cocteaus "Orphée", und alle sagten: "Darüber hätten wir gerne eine Aussprache."

Dem Interesse für Religion (25 v. H.), (für Philosophie entschieden sich 30, für Psychologie 28 Prozent) kommt die "Religiöse Bildungsarbeit" entgegen, in der Vertreter beider Konfessionen zu religiösen Fragen in Zusammenhang mit Gegenwart und Geschichte Stellung nehmen.