London, Ende Mai

Was, glauben Sie, lesen die Neger?" Diese Frage eines bekannten Londoner Export-Buchhändlers war an einen britischen Politiker gerichtet, der in einer Gesellschaft gerade die "großzügige Haltung" der Weißen in Afrika bei der Bereitstellung von Schulen, Lehrern, Lehrmitteln gepriesen hatte. Der Buchhändler mußte seine eigene Frage beantworten:

"Die Lesebegierde der Neger in Nigerien, an der Goldküste und in anderen Teilen Westafrikas ist unvorstellbar. Sie bringen ihre ganze Vitalität ins Lesen wie sonst in ihre Tänze. Sie stürmen fast die wenigen öffentlichen Bibliotheken. Sie sparen oft aus ihren Löhnen pennyweise, um sich selbst Bücher kaufen zu können. Sie haben unter sich Tausch und Abzahlung und manchmal anscheinend auch schon kleine Leihbibliotheken, mögen sie auch nur aus einem halben Dutzend Bänden bestehen."

Und dann kam die Überraschung. Dann kam das ‚Was‘. "Glauben Sie nur nicht, daß der Neger ohne Ziel liest, nur so zur Unterhaltung. Ihm schwebt der Aufstieg vor, ein Afrika mit eigenen Regierungen, eigener Politik, eigener Wirtschaft. Und mit diesem Ziel vor Augen wählt er seine Lektüre. Die Bestsellers in Westafrika sind keine Romane; sie sind vielmehr die zwei folgenden großen Gruppen: ,Erfolgsbücher‘ und marxistische Literatur." Was man sich unter marxistischer Literatur vorzustellen hat, bedurfte keiner langen Erläuterung. Was aber waren ,Erfolgsbücher?‘ Der Buchhändler griff nach einer Londoner Illustrierten, schlug ein auffälliges zweifarbiges Inserat auf und reichte es schweigend herum. Da hieß es erst einmal in gewaltiger Schlagzeile: "Hol das Beste heraus aus dem Leben!" Und das Inhaltsverzeichnis der zwei Bände zeigte die Wege, wie man das schafft. "Lerne Menschen behandeln", "Verschaffe dir Respekt", "Wie man beliebt wird", "Entwickle deine Persönlichkeit", "Benimm dich kultiviert", "Mach dich angenehm", "Entwickle deinen Geschmack", "Gebrauche deine Freizeit richtig" und was der Ratschläge zur Entwicklung des menschlichen Egoismus mit Zuckerguß mehr sind. Der Buchhändler nahm wieder das Wort: "Von dieser Sorte Bücher gibt es nicht Dutzende, nein Hunderte. Und solche Bücher gehen kistenweise nach Afrika. Je einfacher in der Sprache und je naiver in der Beschreibung von Ursache und Wirkung im Erfolg, um so größer ist ihr Erfolg. Diese Sorte Bücher werden in den Hafenstädten von fliegenden Händlern auf der Straße ausgeboten als das Rezept für den kurzen Weg zum Glück und Erfolg. Wer noch nicht selbst Englisch lesen kann, der hört in den kleinen Gruppen zu, in denen vorgelesen oder, noch einfacher, in der Muttersprache nacherzählt wird. Die motorisierten Händler, die in ihr altes Auto alles laden, was die Neger begehrenswert finden, fangen ebenfalls an, Bücher zwischen ihre Stoffe, ihre bunten Ketten, ihre Säcke von Kunstdünger und ihre Gewürztüten zu stecken. So breitet sich die ,Bildung‘ in Westafrika aus!"

Das Gespräch wurde jetzt allgemeiner. Man versuchte zu ergründen, ob das "Feuerwasser" und der Raubbau, der Marxismus und die Gier des "erfolgsuchenden" Egoismus denn wirklich alles seien, was "die Weißen" in ihrer angeblichen Überlegenheit den jungen lernbegierigen Völkerstämmen Afrikas zu bieten hätten. Ein kürzlich aus Ostafrika auf Heimaturlaub nach England gekommener englischer Missionar konnte eine wenigstens teilweise ermutigende Antwort geben: "Wichtiger als das Buch ist in der Regel noch immer das persönliche Vorbild der Europäer!" summierte der Geistliche seine Eindrücke. "Jeder, der in Afrika als Freund und Helfer auftaucht, sei es nun als Arzt, Lehrer oder Missionar, der leistet dem Ansehen der Weißen und der Entfaltung der Neger-Persönlichkeiten unendlich wertvolle Dienste. Und es ist dabei nicht einmal wichtig, daß er im Namen Christi heilt, lehrt oder hilft. Seine Tat ist das Wichtige. Die Tat und der Geist, aus dem heraus sie entspringt!" Der Missionar bekannte, daß er sehr offen gesprochen habe, und er gestand, daß er bei seinen Pfarrer-Kollegen in England oft nicht so deutlich werden dürfe...

Und dann begann er, von den ‚Gefahren‘ zu sprechen: "Da können ein Dutzend echte Helfer für einen riesigen Stamm sorgen, können ihre besten Jahre und ihre gesamte Kraft für ‚ihren‘ Negerstamm freudig einsetzen. Und dann kommt wieder so ein gieriger Händler oder Metallschürfer oder Plantagenbesitzer, der sich nicht um die Eingeborenen schert, sondern nur seinen Profit im Auge hat – und dieser eine ist dann der ‚typische Weiße’. Das Dutzend Helfer aber erscheinen als die rühmlichen Ausnahmen!" So weit ist es in all den Jahrzehnten gekommen: Die Neger – zumindest die Aufgeweckten unter ihnen – haben erkannt, wie hoch der weiße Mann das Geld, den Besitz schätzt und den "Erfolg", der dahin führt. Und sie beginnen nun, es nachzuahmen ...

Keine sehr schmeichelhaften Kommentare für uns Weiße. Keinerlei beruhigende Aussicht, daß es ohne ernste Anstrengung besser werden wird. Im Gegenteil, Warnungen über Warnungen: Der weiße Mann ist sich seiner gierigen Dummheit in Afrika nicht bewußt; Moskau aber weiß, was gespielt wird – und spielt bereits eifrig mit... Edgar Gerwin