In diesem Jahr wollen wir Urlaub nehmen. Nein, wir fahren nicht in den Zauber verträumter Bergeinsamkeit, wir suchen keine idyllisch gelegene Sommerfrische mit herrlicher Umgebung und lohnenden Ausflugszielen, der prachtvollste Rundblick läßt uns kalt, und die würzige Reinheit der Waldluft kann uns nicht reizen.

Stadtluft wollen wir atmen, nervenstärkende Stadtluft voll würzigen Staubes! Denn wir sind vom Lande. Wir sind selber Sommerfrische und Ausflugsziel. Und nun wollen wir in die Stadt, um uns von den unberührten Waldungen, den wildromantischen Tälern, den malerischen Bauernhäusern, dem grandiosen Panorama und alledem zu erholen, wovon die Prospekte reden. Wir hausen selber mitten im Prospekt, aber nun wollen wir einmal heraus. Wir ergreifen die Flucht vor unserer kräftig anregenden natürlichen Höhensonne, der Anblick unserer wuchtigen Felsszenerien erfüllt uns mit Langerweile, unser siebenfaches Echo können wir nicht mehr hören.

Wir haben es satt, beim Verlassen des Hauses gleich über Butterblumen zu stolpern. Der Bedrohungen durch riesenhafte Hofhunde sind wir überdrüssig, wir wollen uns vom großstädtischen Verkehr bedrohen lassen, wir wollen in die Gefahr kommen, überfahren zu werden. Wir haben genug davon, mitten über die Straße zu gehen und keinem Menschen zu begegnen, und wenn einer kommt, dann kennen wir ihn und er kennt uns und weiß alles von uns. Unbekannte wollen wir sehen, einen ganzen Film voll neuer Gesichter, fremde Menschen in Massen, wir wollen ins Gedränge geraten. Wir wollen, wenn uns danach gelüstet, Tag für Tag ins Kino gehen und nicht bloß alle vierzehn Tage; ein richtiges Kino soll es sein und nicht der Saalbau Lenz; der Film soll nicht immer abreißen, und neu soll er auch sein, nicht von Anno neunundzwanzig.

Wir sind des Gebimmels der Kuhglocken müde, Straßenbahnschienen wollen wir kreischen hören. Das Gegacker der Hühner wird uns langsam unerträglich, uns gelüstet nach dem Singen des Asphalts. Allzu penetrant macht die Natur uns klar, welchen Vorgängen wir Milch und Eier verdanken, gleich beim Nachbarn werden beide auf die altbekannte Weise produziert. Wir wollen endlich wieder daran glauben dürfen, daß Eier und Milch aus der Fabrik kommen! Und wir haben die Nase voll vom natürlichen Dünger; Benzingase wollen wir riechen, Kaffeehausluft wollen wir schnuppern, Schwefelkohlenstoff vom Bahnhof, Parfümwolken aus des billigen Warenhauses kosmetischer Abteilung.

Noch sind wir hier, noch hat die Urlaubsstunde nicht geschlagen, noch sehe ich einen rot-weißen Ochsen einen Mistwagen ziehen. Dahinter das aufdringliche Gelb des Löwenzahns, das herrschsüchtige Grün der Matten und als Abschluß die "unberührten Waldungen in schöner Landschaft". Landschaft, wohin wir sehen, ein erdrückendes Aufgebot an Natur, stiller Friede vom Faß. Der stille Friede geht uns auf die Nerven, die Natur haben wir satt, wir sehnen uns nach Künstlichem. Ach, ein Sack voll Kunstdünger und ein Telegrafenmast sind das einzige Künstliche weit und breit.

Wir wollen in der Stadt Körper und Seele erfrischen. Wollen lohnende Spaziergängern in die schaufenstergeschmückte Umgebung machen und die wildromantischen Täler und Straßen bewundern, in denen die Bäche des großstädtischen Lebens wirbeln und schäumen.

Wenn wir dann aus unserm Urlaub wiederkehren, wird es uns auch sicher wieder gefallen in unserer idyllisch gelegenen Jahresfrische. Denn eigentlich ist es bei uns so übel nicht. Holthaus