Von Eugen Grimminger

Über das landwirtschaftliche Genossenschaft! wesen Württembergs, über einzelne Seite genossenschaftlicher Aktivität, werden noc immer völlig irrige Meinungen verbreitet. Siche wurden hier Einrichtungen geschaffen, die in anderen Ländern der Bundesrepublik nicht bestehen, wie es wiederum dort Einrichtungen gibt die in Württemberg nicht in gleicher Weise entwickelt wurden. Wir sind aber nicht "genossen schaftliches Neuland". Wir besitzen keine Land maschinenfabriken, Düngemittelwerke und Erd Ölquellen wie manche landwirtschaftlichen Genossenschaften in den USA, unterhalten kein eigenen Metzgerläden, wie die schwedischen Schlächterei-Genossenschaften, keine 530 Lädei für Haushaltswaren, wie die landwirtschaftlicher Genossenschaften der Ostschweiz. Wir verteilen die Milch nicht direkt an die Verbraucher, wir z. B. die Molkerei-Genossenschaften in London sondern durch den Milch-Einzelhandel – wir überhaupt gute Beziehungen gerade zum Einzel handel unterhalten werden.

Aber wir haben in Württemberg seit dem Zu sammenbruch wirkungsvolle Aufbauarbeit geleistet. Es wurden nicht nur Trümmer beseitig und die Ruinen wieder aufgebaut, es wurde zu sätzlich viel Neues geschaffen. Unsere genossen schaftliche Milchwirtschaft verfügt heute über modern eingerichtete Betriebe. In den größerei Städten hat sich Ausbau und Neueinrichtung von Flaschenmilch-Abfüllanlagen recht günstig aus gewirkt. Die meisten Verarbeitungsbetriebe haben sich in der "Südmilch"-Absatzorganisation zu sammengeschlossen, deren Markenprodukte Ga rantie für gute Qualität sind. In Stuttgar stellen wir in der Württembergischen Milch Verwertung zusätzlich ein Speiseeis her, das man als sehr gut bezeichnen kann. In Nordwürttem berg erfolgt die Milcherfassung zu 98 v. H. durch genossenschaftliche Betriebe, in Süd Württemberg zu gut 85 v. H. Insgesamt wurden zum Ausbau unserer Betriebe seit Kriegsende über 4 Mill. RM und über 21 Mill. DM investiert, wovon fünf Sechstel aus eigener Kraft der Landwirtschaf herrühren.

Wurden die württembergischen Weine vor den Kriege nur in Württemberg selbst getrunken, so sind sie in den Nachkriegsjahren als Qualitätsweine weit über Württemberg hinaus bekanntgeworden. Dank einer intensiven Beratung unserer Weingärtner-Genossenschaften und der Verwertung modernster wissenschaftlicher Erkenntnisse bei der Verarbeitung konnten die württembergischen Weine in kurzer Zeit sich einen guter Ruf erobern.

Um unsere Obst- und Gemüsebauern zu stützen, hat die Zentralgenossenschaft 6 Obst- und Gemüseverwertungsbetriebe errichtet oder teilweise übernommen und ausgebaut. Die Produkte dieser Unternehmen haben sich, dank ihrer Qualität, rasch durchsetzen können. Die geschaffenen Verwertungsmöglichkeiten bewahrten gerade im letzten Jahre viele Obstbauern davor ihr Obst verschleudern zu müssen. Von unserer Seite wurde nichts unterlassen, um den Qualitätsgedanken zu propagieren, gleichzeitig mußten aber auch Absatzmöglichkeiten für Qualitätsobst geschaffen werden. So wurde in Ravensburg das erste Obstkühllagerhaus errichtet.

Besonders in der "Reichsmark-Zeit", als die Landwirtschaft notwendige Geräte und Stoffe nicht erhalten konnte, haben wir uns bemüht, den Bauern auch auf diesem Gebiet zu helfen. Versuche, hierbei die "normalen Belieferer" zu gewinnen, scheiterten fast ganz. So hat sich in jener Zeit unsere Zentralgenossenschaft bemüht, auf dem Gebiet der Landtechnik und ländlichen Hauswirtschaft den bäuerlichen Betrieben zu helfen. Es entstanden nach mühsamen Vorbereitungen etwa 15 Ausstellungs- und Verkaufsläden für Bedarfsartikel für Stall, Bauernhaushalt und Garten. Wenn auch nicht geplant ist, diese in ihrer Zahl zu vermehren, so hat deren Existenz von seiten des Handels zu zahlreichen Attacken geführt. Unsere Propagierung zeitgemäßer und zweckmäßiger Geräte auch für den Bauernhaushalt dürfte jedoch dem übrigen Handel nur noch zusätzlichen Auftrieb und neue Inspirationen gegeben haben. Auch auf dem Gebiet der Landtechnik bemühen wir uns, die Bauern vor unwirtschaftlichen Ausgaben zu warnen, bei aller gleichzeitigen Förderung der Mechanisierung und Technisierung. Bei Schlepper z. B. raten wir den Kleinbauern, sich aus Rentabilitätsgründen in Schleppergemeinschaften zusammenzuschließen. Wir haben auch, um den Bauernhaushalt zu entlasten, nach Kräften die Errichtung von Gemeinschaftsanlagen (Wäschereien, Backstuben) zu fördern gesucht. Auf dem Gebiet der Viehverwertung sind wir zur eigenen Versandschlachtung übergegangen.

Auch bei der Werbung wurden modernste Wege gewählt. Die Milch-Werbe-Woche, die jetzt Württemberg erfaßt, hat bereits Erfolge gezeigt (nach Abrechnung der saisonbedingten Zunahme kann man in Stuttgart auf Konto dieser Werbung eine Trinkmilch-Verbrauchssteigerung um rund 15 v. H. buchen). Die bäuerlichen Erzeuger sprechen wir monatlich in einem lebendig aufgemachten Mitteilungsblatt an, das stark illustriert wird. – Anläßlich des Deutschen Raiffeisentages 1951, der vom 3. bis 5. Juli in Stuttgart, in dem landschaftlich schönen Gelände des Höhenparks Killesberg stattfindet, hoffen wir, den Genossenschaftern aus der Bundesrepublik einen Querschnitt aus unserer Arbeit zeigen zu können.