Pc. Berlin, Ende Mai

Statt des dickbändigen "Dahlke" auf dem – Richtertisch hätte Kogons ""SS-Staat" weit besser in diesen Prozeß gepaßt. Man hätte glauben können, daß sein Kapitel "Psychologie der SS" nach der Analyse des Angeklagten – des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Kurt Gildisch – geschrieben sei. Unverkennbar lag über dem Schwurgericht Moabit der Schatten jenes Geistes, dem der Angeklagte zwar entsagt zu haben vorgab, den er aber dennoch mit keinem Wort verleugnen konnte.

Gildisch gab zu – weil er dessen ohnehin überführt war –, am 30. Juni 1934 den Leiter der Katholischen Aktion, Ministerialdirektor Dr. Klausener, in dessen Büro im Reichsverkehrsministerium am Schreibtisch erschossen zu haben und diese "Exekution", wie er den Mord angelegentlich nannte, später als Selbstmord getarnt zu haben. Was Gildisch dazu motivierend erklärte, war aufgewärmte, von ihm eingehend verdaute braune Phraseologie. Ständig verteidigte er sich denn auch nach zwei Fronten; gegenüber dem Gericht, weil er die Tat begangen hatte, und gleichzeitig gegenüber seinen Gesinnungsgenossen, weil er heute genötigt war, seine Schweigepflicht von damals zu mißachten. Am Biertisch allerdings hatte er sich schon gleich nach dem 30. Juni jener Tat gebrüstet. Und eben dies war ihm zum Verhängnis geworden, denn einer seiner Zechkumpane hatte ihn vor rund einem halben Jahr wiedererkannt und angezeigt.

Aufrecht und zackig, trotz seiner Beinprothese, marschierte Gildisch aus der Anklagebank vor den Zeugentisch. In Figur und Haltung eine tadellose soldatische Erscheinung. Aber nie hatte man hier in den letzten Jahren so volltönend hohle Worte von einem Angeklagten gehört. Abgehackte Platitüden an Stelle von Prägnanz – kurzangebundene Weitschweifigkeit. Dazu eine entwaffnende Biertisch-Schlauheit, gleichgültig ob er sich gerade verteidigte oder ob er seelenruhig die "Exekution" schilderte. Und selbst wenn er, was oft geschah, auswich, blieb seine Stimme fest. Den Rundfunkmikrophonen entging kein Wort. Dieser Mann ist gewohnt, Selbstbewußtsein zu markieren, obgleich er voller Minderwertigkeitskomplexe steckt. – Wer von dem Prozeß erwartet hatte, daß ein großes Gemälde des 30. Juni 1934 entstehen würde, sah sich enttäuscht. Hier stand nur der Hauptsturmführer Gildisch vor seinen Richtern. Aber dennoch umschloß die Person dieses Mannes in ihrem seelischen Mikrokosmos das ganze Pandämonium der SS-Zeit. Es stand nicht in der Anklage – aber es war Gildisch gewesen, der den SA-Gruppenführer Ernst mit einem Flugzeug aus Bremen nach Berlin holte und ihn an jene rote Mauer in der Lichterfelder Kadettenanstalt stellte, an der Hunderte von Männern unter den Salven der SS zusammenbrachen. Es stand nicht in der Anklage – aber es war Gildisch gewesen, der den Köpenicker Arzt – richtig, Dr. Villain hieß der Mann – und den SA-Gruppenführer Schmidt oder Klein – man kam sich doch nicht alles merken – zur Erschießung schleppte. Es stand nicht in der Anklage – aber man erfuhr, wie damals ein Kommando den politischen Redakteur Schmidt suchte, an seiner Stelle den Musikkritiker Schmidt auftrieb und ihn schon niedergeknallt hatte, ehe sich der Irrtum aufklärte. Und es ergab sich, daß der Atem jener in doppeltem Sinne heißen Tage nicht nur von Pulver, Blut und Angstschweiß dampfte, sondern auch von Bier, Schnaps und billigen Zigaretten.

Auf die Frage, ob er sich über seine Tätigkeit Rechenschaft abgelegt habe, antwortete Gildisch wörtlich: Das Ganze war doch "in erster Linie zwar eine körperliche Anstrengung, aber in gewissem Sinne wurden wir, wenn auch mehr unbewußt, auch seelisch mitgenommen"! Da sei eben keine Muße zum Nachdenken geblieben. Und er wisse selbst nicht, so meinte er, wie seine Freunde damals darauf kommen konnten ihn den politischen Amokläufer zu nennen.

Von dem Begriff der "Zweiten Revolution" wolte Gildisch, der zuvor als Leiter des Führerbegleitkommandos und Volksschullehrer gleichermaßen gescheitert war, nichts gewußt haben. Ebensowenig seien ihm Spannungen zwischen Hiller und Röhm oder zwischen der Reichswehr und der SA bekannt gewesen. Und dann wurde für einige Augenblicke die Gestalt hinter der Szenerie sichtbar, der eiskalte Marionettenspieler Heydrich, der dem Angeklagten den Mordbefehl erteilte. Heydrich war ein Meister der Intrigen, weil er sich meisterlich auf Menschenbehandlung verstand. Von Gildisch durfte er wohl annehmen, daß er längst über alle "Humanitätsduselei" hinaus war und daß ihn bei der Ausführung der Mordbefehle keine Hemmungen überkommen würden.

Der protokollarischen Vernehmung des SS-Generalobersten Sepp Dietrich zufolge scheint Gildisch weder ein Befehlsautomat noch ein Überzeugungstäter gewesen zu sein. Er war kurz zuvor wegen Trunkenheit aus dem Führerbegleitkommando ausgeschlossen worden. Durchaus wahrscheinlich also, daß Heydrich, der sich gern korrumpierter oder moralisch derangierter Personen bediente, dem Angeklagten am 30. Juni die letzte Chance bot, sich zu rehabilitieren. Und Gildisch nutzte sie. Zweifellos wäre er bei einer Gehorsamsverweigerung in dieser brenzligen Situation auf der Stelle selbst ein toter Mann gewesen. Aber wie sich herausstellte, hatte er auch nicht einen einzigen Augenblick erwogen, ob und wie er sich dem Befehl entziehen könnte.

Das Gericht erkannte auf 15 Jahre Zuchthaus, weil es den Angeklagten zu jenen Leuten zählt, die morgen in der gleichen Situation wieder genau so bedenkenlos Menschen opfern würden für das, was ihr Ungeist als eine Idee ansieht. Im Zuhörerraum entstand starke Bewegung. Offenbar fand man das Urteil überraschend hart. Wo aber wäre sonst Härte am Platz, wenn nicht gegenüber kaltschnäuziger Brutalität, für die erwiesenermaßen Menschenleben keine Bedeutung haben.