Von Heinrich Niehaus

Die Landflucht wird von den meisten praktischen Landwirten und auch von einigen Sozialwissenschaftlern als eine Krankheit angesehen, nicht erst heute, sondern schon seit über fünfzig Jahren. Das sollte uns etwas mißtrauisch machen. Denn diese chronische Krankheit hat nicht verhindern können, daß die Leistungen der deutschen Landwirtschaft von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ständig größer geworden sind. Alle dunklen Prophezeiungen, daß die Landflucht zu einer Extensivierung führen müßte, sind nicht eingetroffen. Sollte es sich nicht mehr um die Wachstumsschmerzen eines Organismus handeln, der in ständiger Entwicklung ist?

Mangel an Bodenständigkeit?

Für den Betriebsleiter ist der Tatbestand der Landflucht gegeben, wenn er seine Betriebsorganisation auf einen ganz bestimmten Arbeitsaufwand abgestimmt hat und nun ein Teil seiner Hilfskräfte den Betrieb verläßt, weil sie nach ihrer Ansicht woanders ein besseres Fortkommen finden können. Der Bauer oder Gutsbesitzer fühlt sich dann im Stich gelassen, er empfindet dies Verhalten als „Flucht“, als einen Mangel an Bodenständigkeit und Anhänglichkeit von Leuten, die man doch so behandelt und entlohnt hatte, wie es die Lage des Betriebes ermöglichte. Das Wort Landflucht drückt eine Pflichtverletzung aus, es hat noch die Färbung der alten ständisch – patriarchalischen Arbeitsverfassung. Man sollte es jetzt ganz vermeiden und sachlich von Abwanderung aus dem landwirtschaftlichen Beruf sprechen.

Diese Abwanderung von Arbeitskräften aus einem landwirtschaftlichen Betrieb ist zunächst einfach ein Ausdruck dafür, daß andere landwirtschaftliche oder gewerbliche Betriebe diesen Arbeitskräften bessere Einkommensmöglichkeiten bieten können. Es ist deshalb auch ein Hinweis darauf, daß die Organisation des Betriebes nicht mehr richtig ist. Der Betriebsleiter hat vielleicht zuviel arbeitsintensive Kulturen in seine Fruchtfolge aufgenommen oder bei der Bestellung oder Ernte oder auf dem Hofe zuwenig Gebrauch von technischen Hilfsmitteln gemacht. Deshalb war die Produktivität seiner Arbeitskräfte, die den möglichen Lohn bestimmt, zu gering. In solchen Fällen ist die Abwanderung ein Zwang zum technischen Fortschritt, der ja weitgehend darin besteht, daß Arbeitsaufwand durch Kapitalaufwand ersetzt, und daß die Mengeneinheit landwirtschaftlicher Erzeugnisse mit einer stetig geringer werdenden Zahl von Arbeitskräften erzeugt wird, so daß auch deren Einkommen zunehmen kann. Daraus folgt, daß die Stärke des Arbeitermangels von der Betriebsorganisation und der -leitung abhängig und deshalb ganz verschieden ist.

Eine Dauererscheinung

Da andererseits die Arbeitsproduktivität in der gewerblichen Wirtschaft infolge des höheren Grades der Mechanisierung, Arbeitsteilung und Spezialisierung der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft vorauseilt, so muß in einer fortschreitenden Volkswirtschaft der Arbeitermangel in der Landwirtschaft zu einer Dauererscheinung werden. Er ist gleichsam ein Maß für den Abstand der technischen Entwicklung in Landwirtschaft und Gewerbe. In den meisten Ländern der Welt besteht heute noch das Gefälle der Arbeitsproduktivität zuungunsten der Landwirtschaft, aber in manchen ist auch die Zunahme der Leistung pro Arbeitskraft in der Landwirtschaft dank des rapiden technischen Fortschrittes in den letzten Jahren größer gewesen als in der Industrie.

Im Bundesgebiet war das Angebot an landwirtschaftlichen Arbeitskräften nach dem Krieg zunächst bedeutend umfangreicher als vor dem Kriege, weil der starke Zustrom von Ostvertriebenen die Landgemeinden dicht bevölkerte und die Industrie noch keine Arbeitsplätze bot. Seit der Währungsreform, und besonders im letzten Jahr, ist die Zahl der ländlichen Arbeitskräfte wieder auf den Vorkriegsstand gesunken, in einigen Gegenden sogar darunter. Das Realeinkommen der Landarbeiter ist, wenn man Wohnung und Naturalversorgung entsprechend berücksichtigt, stärker gestiegen als das Einkommen breiter Bevölkerungsschichten in der Stadt, aber es bleibt hinter dem Einkommen vieler Industriearbeiter noch erheblich zurück. Es ist bedeutsam, daß in den Ländern, wo die Angleichung der Landarbeiterlöhne fast oder ganz erfolgt ist, dies verbunden war mit einer Verminderung der Zahl bis weit unter den Vorkriegsstand. So hat z. B. Schweden heute etwa 15 v. H. und Dänemark sogar 25 v. H. weniger Landarbeiter und hat trotzdem seine Produktion noch steigern können. Ob es in Deutschland noch zu einer Abwanderung in ähnlichem Ausmaß und aber die wachsende Produktivität der verbleisenden Arbeitskräfte zu einer höheren Entlohnung kommt, hängt im wesentlichen von der weiteren Aufnahmefähigkeit der Industrie ab. Aber es wäre gut, wenn sich die landwirtschaftlichen Betriebe auf die Möglichkeit einer weiteren Abwanderung einstellen und alles versuchen würden, den Wirkungsgrad der Arbeitskraft durch richtige Betriebsorganisation zu steigern. Das ist durchaus nicht mit einer Senkung der Flächenerträge verbunden, wie die Ertragsleistunten vieler fortschrittlicher Betriebe zeigen. Wenn die Agrarpolitik eine solche Entwicklung fördert, dann erweist sie der Landwirtschaft einen guten Dienst von langfristiger Wirkung.