Von K. H. Kuppel

Vor zweitausend Jahren gründeten die Römer auf einer Seine-Insel eine Niederlassung, die sie .Lutatia Parisiorium nannten. Die Stadt Paris feiert ihren zweitausendsten Geburtstag in diesem Jahr durch Veranstaltungen aller Art. Jedem der zwanzig Stadtteile von Paris wird eine besondere Festwoche gewidmet.

Paris, im Mai

Ja, dieses Gefühl läßt sich schwer beschreiben, das in einem aufsteigt, wenn man nach zwanzig Jahren zum ersten Male wieder die Avenue de l’Opéra entlang geht, auf die ein leichter Regen fällt, gegen Mitternacht, und die Trottoirs glänzen läßt, so daß sich das warme Licht der Straßenlaternen auf ihnen spiegelt, die im linden Hauch des Seine -Windes leise klirren, und man glaubt, er bringe auch einen zarten Duft mit von den Blüten im Tuileriengarten. Es ist still in den Straßen von Paris; war das damals, als du zuletzt hier warst, auch so, oder ist es nur, weil heute Sonntag ist? Auch der Boulevard des Capucines und der Boulevard des Italiennes, die von der Oper ausgehen, sind kaum belebt. Ein paar Passanten, ein paar Autos, das erste umschlungene Liebespaar, und im berühmten Café de la Paix sind die Gäste, die den Rauch ihrer Zigaretten zu den im süßesten falschen Rokoko bemalten Plafonds aufsteigen lassen, mühelos zu zählen: Es sind genau dreiundzwanzig. Der französische Bekannte, dem man am nächsten Tag diese Beobachtung mitteilt, blickt ein wenig nachdenklich. "Paris ist arm geworden", sagt er und man erinnert sich, daß man beim Rückweg ins Hotel an dem großen Gebäude eines Einheitspreis-Kaufhauses ("Monoprix") vorübergegangen ist; das hat es früher auf der vornehmen Avenue de l’Opéra nicht gegeben.

Freilich, der nächste Vormittag scheint den Pariser Freund Lügen zu strafen. Da überfällt einen mit aller Macht die süperbe Serenität der Rue de Rivoli, der arenahaft grandiose Schwung des Concorde-Platzes und – man hält den Atem an, um nicht in einen Jubelschrei auszubrechen – im silbernen Dunst der Morgensonne glänzend, die herrlichste Straße der Welt mit dem stolzesten und schönsten Namen, der je einer Straße gegeben wurde: Die Avenue des Champs Elysées. Welch eine Art von Armut ist das, die pausenlos das Karussell der Autos über die Concorde bewegt oder sie parkend zu beiden Seiten der Champs Elysées vom Rond Point bis zur Etoile aufreiht – wer will, kann hier sämtliche Auto-Kennzeichen der Welt vom gediegenen Schweizerkreuz bis zu den zierlichen Strichen und Häkchen der arabischen Buchstaben an den kapriziösen Limousinen ägyptischer Prinzessinnen oder den rätselhaften Monumentalinschriften an den gigantischen, brutal-luxuriösen Fahrzeugen südamerikanischer Millionäre studieren – welch eine Art Armut ist das, die in den teuersten Coiffeur-Salons, man sieht das von der Straße aus, fünf rosa oder hellgrün gewandete Mädchen an einer einzigen Dame pedikürend, manikürend und ondulierend beschäftigt, die hinter einer emaillierten Rita-Hayworth-Schönheit mit mathematisch vollendetem Busen und Beinen einen tonkinesischen oder malayischen Diener mit elegant verschnürten Paketen und einem gerade noch aus weißem Seidenpapier diskret hervorlugenden Orchideenstrauß traben läßt? Ach so, das sind die Fremden, die Nicht-Europäer, die sich hier im Glanz der letzten erhalten gebliebenen europäischen Tradition baden und die es vielleicht heimlich bewundern, mit welch gelassener Kraft diese weltoffene Stadt Paris jeder Entfremdung vom Europäischen, insbesondere jeder Amerikanisierung, widerstanden hat und widersteht. In Mailand schießen die Hochhäuser aus dem Boden und in Zürich oder Bern, heißt jedes Café "Tea Room". Das gibt es hier nicht; hier werden die Fremden, so sehr man sich in Geschäften auch nach ihren Wünschen richtet, zuerst und vor allem als Leute angesehen, die der Königin Paris ihre Huldigung darbringen und als Devise gilt unerschüttert der Refrain jenes glänzenden und prickelnden Schlagers, den die Mistinguette vor fünfundzwanzig Jahren im Casino de Paris sang: "Paris, la reine du monde ..."

Im Quartier de l’Etoile, im Bereich der Luxushotels, der Luxusläden und der Haute Couture ist es also schwer, die Armut von Paris zu entdecken. Auch die Lumpensammler mit ihren verfilzten Baskenmützen und den grauen Säcken, die abends müde über die lichtüberfluteten großen Boulevards schlurfen, sind zu vertraute pittoreske Erscheinungen des Pariser Lebens, als das man in ihnen auffallende oder gar alarmierende Symptome der Verarmung erblicken dürfte. Gewiß, man weiß, welche sozialen Spannungen den Boden der Riesenstadt ständig erzittern lassen und sicher vermag der französische Freund die Verhältnisse besser zu beurteilen als der eben angekommene deutsche Gast, der zudem nach Paris wie zum Wiedersehen mit einer lang entbehrten Geliebten fuhr und von vornherein überzeugt ist, daß niemals auch nur der kleinste Schatten auf ihre Herrlichkeit fallen könne. Es sticht ihn geradezu, den Verkünder der Armut ins Unrecht zu setzen, und so begibt er sich von den Zentren der Eleganz, der Hoffart und des Snobismus in die Volksquartiere von Montparnasse und Montmartre mit ihren schmalen Straßen ,in denen viele engbrüstige Häuser mit nur einer Fensterachse in der Front sich als "Hotel Comfort" empfehlen und die Ladenmädchen in schwarzen Satinkitteln und Filzpantoffeln hinter der Theke der väterlichen Gemüse- oder Fahrrad-Zubehörhandlung stehen. Einfach ist es hier in der malerischen Rue Mouftard oder Rue Lepic, aber keinesfalls ärmlich. Die Auslagen der Lebensmittelgeschäfte und Obsthändler, der Fleischer und Fischverkäufer, der Eier-, Butter- und Käsestände sind von süditalienischer Üppigkeit; man glaubt in Neapel oder Palermo zu sein, wenn man Artischoken, Auberginen und Fenchel, Austern, Crevetten und Seeigel, zu gefälligen Haufen geschichtet, neben ganzen Käsegebirgen so weit in die Straße hineingebreitet sieht, daß für die Passanten nur noch ein schmaler Gang bleibt und Fahrzeuge sich nur im Schritt und in einer Richtung hindurchzwängen können. Man kauft sich ein Pappschüsselchen voll fettglänzender, mild und süß schmeckender schwarzer Oliven und an der nächsten Ecke bei einem dicken, filouhaft vergnügten Syrer eine Tüte duftender, krachend heißer Pommes frites, frisch aus dem siedenden Öl geschöpft, und hat für etwa eine Mark eine herrliche Mahlzeit. Hier begegnet man auch dem "Philharmoniker", einem alten, vom Leben mächtig gezausten Boulevardier, der ein kleines, zirpendes Flötchen bläst und neben einem unbeschreiblichen Pariser Argot ein völlig fehlerloses, vollkommen akzentfreies Deutsch spricht. Erinnert er nicht an den Crainquebille des großen, in Frankreich so vergessenen Anatole France? Aber plötzlich wird er prinzipiell: Er möge die Deutschen sehr gern, erklärt er, es seien gebildete und gescheite Leute.Aber im Krieg gäbe es keinen Pardon. "Da heißt es: Nieder mit den Deutschen! Haben Sie eine Zigarette?" Damit endet das philharmonische Gespräch bei Oliven und Pommes frites. Die Zuhörer lachen und tippen sich, dem deutschen Besucher zuzwinkernd, mit dem Finger an die Stirn; der Alte sei natürlich verrückt. Abends machte der Kellner in dem Restaurant am Boulevard de Clichy zu seinem Kollegen verstohlen dasselbe Zeichen, als der deutsche Gast das freudig empfohlene Münchener Löwenbräu-Bier mit dem Bemerken, das habe er immer zuhause, zurückwies und ein Elsässer Bier bestellte. Es entspann sich dann ein Gespräch – der Kellner war im sächsischen Grimma kriegsgefangen gewesen und lobte die Grimma Reize der Stadt Leipzig – über die Neigung der Deutschen, den Dingen auf den Grund zu gehen und ein unbekanntes französisches Bier zu erproben, wo doch ein weltberühmtes deutsches servierbereit sei. Das Mädchen, daß dann auf der Straße den Besucher mit sinnlich lockendem Augenaufschlag zum Besuch des "Cinéma Cochon" einlud und seine Erwiderung ,er habe leider schon ein Billett für das berühmte literarische Théatre de l’Atelier, mit einem verächtlichen "C’est pas interessant" quittierte, mochte auch denken: "Ces Allemands..."

Am dritten Tag gibt man es auf, die Bemerkung des französischen Freundes über die Armut von Paris mit dem Augenschein in Einklang bringen zu wollen. Es muß eine Armut sein, die mehr in den Zahlen der Wirtschaftsstatistik als in den Erscheinungsformen des Pariser Lebens zutage tritt. Der Blumenmarkt zum Beispiel, der sich nahe der Conciergerie an der Seine hinzieht, hat nicht gerade ganz kleine Preise; und doch wühlen die Pariser kennerisch und genießerisch in den großen Eimern, in denen Tausende der herrlichsten Rosen und Nelken, weißer und blauer Flieder und alle erdenklichen Arten von Frühlingsblumen leuchten, glitzernd von den Tropfen des Wassers, mit dem, sie ständig bespritzt werden, und es hat den zuverlässigen Anschein, als ob die Gärtner mit dem dabei erzielten Umsatz durchaus zufrieden seien. Da sitzt einer mit einem weißen Schnauzbart und hellen, munteren Augen im wohlgenährten Antlitz zwischen den Schilfrohrwänden seines Etablissements, ein mit einer namhaften Scheibe saftigen Schinkens belegtes Stück des köstlichen, trockenen Pariser Weißbrots in der Hand, neben sich die Flasche Rose, und unterhält sich mit einem alten Herrn, der ein pensionierter Rat am Appelationsgericht sein könnte oder ein Bibliothekar vom Institut de France. Sie unterhalten sich über die "Affäre" in Lothringen, wo einige Kinderärzte irgendwelche Unsauberkeiten bei der Sterilisation der Milch entdeckt und die unverzügliche Entsendung einer Untersuchungskommission aus Paris gefordert haben. Sie mißbilligen diese Vorkommnisse sehr und sehen in dem Zustrom schlechter Milch nach Nancy und Metz mit Grund eine mögliche Quelle sozialer Unzufriedenheit, womit sie sich im übrigen als echte Bürger jenes Landes erweisen, dessen populärster König in dem Huhn, das sonntags im Topf eines jeden seiner Untertanen schmoren sollte, Ziel und Summe einer guten Regierungskunst sah. Sein Denkmal steht nicht weit von der Stelle, an der dieses sehr pariserische Gespräch geführt wurde, und er sieht hinüber zur Ile de la Cité, wo einst das Herz seiner Stadt schlug, die mit so unbestreitbarem Recht "la bonne ville de Paris" – "die gute Stadt Paris" heißt.

Denn das hat der Besucher aus dem deutschen Nachbarland bei diesem Wiedersehen mit Paris bestätigt gefunden: Es ist eine gute Stadt. Daß sie schön ist und liebenswert, charmant und verführerisch, weiß alle Welt. Ob sie reich oder arm ist – das festzustellen bedarf eingehender Beobachtung und einer Kenntnis ihrer Wirtschaftsstruktur, die man sich in Jahren, nicht in Tagen erwirbt. Aber die gute Stadt Paris läßt sich in einer Woche auffinden, unter ihren Menschen, ihren spielenden Kindern in den Tuilerien, ihren Liebespaaren im Jardin du Luxembourg, auf einer Bank abends am Quai Voltaire, wenn die Bouquinisten ihre Kästen schließen und tief in der Nacht in den "Hallen", wenn die Metzger das Frischgeschlachtete an die mächtigen eisernen Haken hängen, die Obst- und Gemüsekörbe sich zu unübersehbaren Gebirgen auftürmen und die Straßenkehrer und Schutzleute lächelnd und mit zärtlichen Blicken zusehen, wie einer Kiste aus dem Midi die duftenden Bündel mit den ersten Spargeln dieses Frühjahrs entnommen werden.