Die psychotherapeutischen Erfolge sind allem Anschein nach nicht größer geworden", erklärt der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers in seinem neuen Buch "Vernunft und Widervernunft in unserer Zeit". Aber auf dem Psychotherapeutenkongreß in Lindau schien es gerade umgekehrt: die Psychotherapie hat in diesen Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung gezeigt. Sechshundert Wissenschaftler und Ärzte aus den westeuropäischen Ländern trafen sich in der Stadt am Bodensee. Ostzonale Ärzte waren nicht anwesend. Nach sowjetischer Ansicht ist die Psychotherapie noch immer eine Domäne der kapitalistischen Welt.

Unkonventionell und selbstbewußt trat auf dieser Tagung die Wiener Schule mit V. E. Frankl hervor. Um die provisorische Daseinshaltung des Überdrusses und der Müdigkeit zu heilen, die den modernen Menschen befallen kann und oftmals krankmachend wirkt, bedarf es des Geistes. Die Axiome der Frankischen "Logotherapie" lauten: "Überwindung des Dualismus im menschlichen Raum durch das dreidimensionale Denken. Die Leib-Seele-Einheit ist nicht alles, der Geist stiftet sie erst." Der Mensch ist Leib und Seele, aber er hat Geist, der in der Lage sein soll, den kranken Menschen zur Gesundung zu verhelfen. Wenn die Inhaltslosigkeit des Daseins das ist, was den Menschen krank macht –: dann ist es einleuchtend, daß dieses menschlichste aller metaphysischen Probleme nicht in Strömen von Tinctura Valeriana und anderen Arzneimitteln ertränkt werden kann. Gewiß: Die Logotherapie hilft nicht jedem. Und außerdem befürchtet man vielleicht auch eine allzu gängige Sprechzimmer – Metaphysik für Dilettanten und Scharlatane. Aber Frankl ist ein Arzt mit einem Spürsinn für die Witterungen der Seele der Patienten. Er findet den einen, der fähig ist, mit Logotherapie geheilt zu werden. Ein Organ für diese Dinge muß unsere Zeit im Menschen entwickelt haben, sonst könnte. Eliot in seiner "Cocktail-Party" sich nicht erlauben, die Theaterbesucher mit psychotherapeutischen Gesprächen zu unterhalten. Er will sie sozusagen spielend "logotherapieren", und es gelingt ihm auch.

Fast unmerklich, aber von der Psychotherapie bewußt angestrebt, hat sich der Standort des Patienten verschoben. Der Kranke handelt mit, wenn die so schwer zu beschreibende, aber von Patient und Arzt deutlich zu erlebende "Übertragung" stattgefunden hat. Er ist nicht mehr der hilflose Passive, er wird zum Partner in einem wechselseitigen Gespräch. Die Problematik der Medizin, die stets den ganzen Menschen behandeln will und nicht nur das erkrankte Organ, wurde auch auf die Person des Arztes bezogen. Der leicht als Phrase oder Dummheit ausgelegte Satz: "Die Medikamente, die ein Arzt verschreibt, wirken durch den Arzt", konnte wissenschaftlich belegt werden.

Die Psychotherapie hat seit ihren Anfängen eine Wendung um 180 Grad vollzogen. Die wissenschaftliche und praktische Exklusivität der alten Psychoanalytiker ist einer allen Geistesströmungen zugewandten Wissenschaft gewichen, und ihr Repräsentant ist der Arzt der alltäglichen Sprechstunde. Die Gelassenheit, mit der die Psychotherapie Zugang zum Alltag gefunden hat, gründet sich zwar auf das Wissen der alten psychoanalytischen Schulen, hat aber ihren Elan vor allem in den bis ins Feinste empirisch untersuchten Arbeitsmethoden gefunden, die heute dem Psychotherapeuten zur Verfügung stehen. Er braucht gar keine Seelenchirurgie im Stil der alten Analytiker zu betreiben. Ihm genügt in den allermeisten Fällen eine Kurzanalyse. Er zergliedert nicht mehr in einer Unzahl von Sitzungen den ungeduldig werdenden Patienten.

Die deutschen Vertreter aus den Schulen Kretschmer – Tübingen, Speer – Lindau, I. H. Schultz-Berlin haben – durch exakte Studien über die Steuerung des vegetativen Tonus durch die Psyche – die Behandlungsmethoden des "autogenen Trainings" und der "fraktionierten Aktivhypnose" bis ins Feinste ausgearbeitet. Diese Methoden sind lehrbar und erlernbar und stellen heute das Rüstzeug des psychotherapeutischen Arztes dar. Annemarie Theissing