Vor mehr als zwei Jahrhunderten schrieb der Londoner Drucker Samuel Richardson jenen vierbändigen Briefroman "Pamela oder Tugend wird belohnt", mit dem in der Literatur das Zeitalter der Seelenanalyse begann. Die gewissenhafte Sittsamkeit der allen Anfechtungen standhaltenden Heldin erscheint dem amerikanischen Sozialkritiker Upton Sinclair – entgegen einem allgemeinen Vorurteil – noch heute rührend und vorbildlich. Er erfand "Eine neue Pamela oder Tugend wird immer noch belohnt" (deutsch im Diana-Verlag, Baden-Baden/Stuttgart, 366 S., Leinen DM. 14,80), einen Roman ebenfalls in Briefen, geschrieben von der siebzehnjährigen Pamela Andrews aus Südkalifornien an ihre Schwester und ihre Mutter. Das simple Landmädchen, strenge Sabbatistin, wird durch einen Zufall Stubenmädchen auf dem Landsitz einer Multimillionärin und später deren Sekretärin. Der trunksüchtige Neffe des Hauses verliebt sich in das für seine Umgebung ungewöhnliche Geschöpf, jedoch ohne zu erreichen, was er von allen Frauen sonst mühelos erkaufte. Was Pamela II. durch ihn an Gewissensqualen erleidet, wie sie für ihn betet und zum guten Ende seine Frau wird, das erzählen die naiven Briefe des Mädchens, dessen Gottvertrauen trotz aller Nöte unerschütterlich bleibt.

Sinclairs moderne Liebesgeschichte ist eine genaue und geistreiche Imitation des alten englischen Romans, der einmal Vorstufe zum "Werther" war. Ja, Sinclair mischt Ausschnitte aus "Pamela I." in die Berichte seiner Pamela II., die die Gleichartigkeit der Gefühle, des Leidens und der Erlebniswelten hervorheben. Auch die geringfügigste Parallele zum Original ist bedacht und in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg angesiedelt. Das gibt dem Werk eine empfindsame Breite, die sowohl durch die kunstvoll nuancierende Milieumalerei wie durch den Liebreiz der tugendsamen Pamela zu preziösem Leben erweckt wird.

Gedankenvoll legt man das Werk aus der Hand: mag sich die Welt verändern, wir verändern uns nicht. Die Reaktionen sind die gleichen geblieben. Wo bleibt da Raum für die wissende Überlegenheit, die wir Frauen vergangener Jahrhunderte gegenüber sonst hegen?

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Käthe Olshausen-Schönberger, vor 1933 durch ihre tiermenschlichen Karikaturen allen Lesern der guten Witzblätter vertraut, kommt jetzt auch als Erzählerin in Deutschland zu Wort. "Für Kinder von acht bis achtzig Jahren" hat sie nach orientalischen Schwankmotiven Geschichten von "Abdallah und seinem Esel" erfunden und illustriert (Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt a. M., 250 S., Leinen 6,80 DM). Die Jugend wird hier ebenso wie in den angelsächsischen Ländern ihre Freude an den Eulenspiegeleien des Esels Rumswiddel und seines Zöglings, des Bagdader Gemüsehändlers Abdallah, haben; die Erwachsenen werden sich an den Anspielungen auf morgenländische Märchentechnik ergötzen, die mit viel Feinheit gehandhabt wird. So dürfte der buchhändlerische Erfolg des liebenswürdigen, zum Vorlesen besonders geeigneten Buches nicht ausbleiben. Ingeborg Hartmann