Mit der gleichen Intensität, mit der in Hollywooder Filmwerkstätten historische Prunk- und Prachtstreifen gedreht werden, schreiben amerikanische Schriftsteller historische Romane. Die Zutaten werden von beiden Seiten aus derselben reichen Vorratskammer entnommen. Wie sehr sich der landesübliche Geschmack in dieser leicht verdaulichen Lektüre ausdrückt, sieht man gerade jetzt an zwei Neuerscheinungen Schweizer Verlage, die sich ihres verwandten Inhalts wegen zur vergleichenden Diagnose direkt anbieten. Zwar sind die Handlungen durch rund zweihundert Jahre voneinander getrennt, doch beide Romane spielen im südlichen Spanien, und beide handeln von Kolonisatoren.

Das amerikanische Muster (Samuel Shellabarger, „Der Hauptmann von Kastilien“, ‚Rascher Verlag, Zürich, 572 S., Leben 17,50 DM), dessen Übersetzung leider an häßlichen Partizipien krankt, verherrlicht die Gestalt eines jungen Hidalgo, der ohne Schwierigkeit die Züge von Errol Flynn annehmen könnte. Er segelt auf der Flucht vor der Inquisition nach Westindien und stößt zu Cortes: Kriegszüge gegen die Inkas, Verhältnis zum tapferen Lagermädchen, Rückkehr mit Gold und Dolchstoß in das Herz des persönlichen Feindes und endlich Einzug der einfachen Geliebten in das eheliche Bett. Dieses Happy-End krönt der hochadelige Vater mit seinem Segen, und es steht in Aussicht, daß die Familie geschlossen in der Neuen Welt die Freiheit genießen wird. Obwohl das historische Korsett dieses aufregend fülligen Buches von amerikanischem Firnis glänzt, sei es dem Autor zur Ehre belobt ob des geschichtlich bezeugten Körpers und ob des ehrlichen Bemühens, außer der Spannung und dem Sentiment auch dem Zeitstil gerecht zu werden. Womit gesagt sein soll, daß in diesem Fall die Zutaten am Schreibtisch besser verarbeitet wurden als gemeinhin in den Filmateliers.

Das Gegenstück ist in der Schweiz selbst beheimatet (R. Caltofen, „La Carolina“, Schweizer Volksbuchgemeinde, Luzern, 341 S., Leinen 8,50 Fr.). Hier wird daher bieder geliebt, gemordet und Wohlstand erworben. Rosegger gehörte zu den Paten, und im Hintergrund lauern Ganghofer-Filme. Dabei ist die Handlung wert, aufgezeichnet zu werden: Deutsche, schweizerische und österreichische Siedler schaffen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Wüstenei der Sierra Morena fruchtbares Ackerland. Bereits in der zweiten Generation haben sie sich aber schon so mit den Spaniern vermischt, daß heute nur noch ab und an ein blonder Haarschopf von den Ahnherren jenseits der Pyrenäen kündet. Der schwyzerischen Erzählmanier hat jedoch das Mark gefehlt, die Tragik vor Rührseligkeit zu bewahren. Auch die historischen Fakten schmecken nicht kräftig, weil sie ohne Delikatesse angerichtet sind. Und doch klopfen auch unter dem älplerischen Gewand Herztöne, zarter, aber nicht weniger intensiv als die robusten unter dem Schnürleib aus den USA.

Hildegard Schlüter