Und dieser Prozeß der Erkenntnis ist schon weit fortgeschritten. Die neuesten Ereignisse, das Schwächegeständnis, das in der Unterdrückung der Demokratischen Partei liegt, haben ihn beschleunigt. Hier sind einige Beispiele: Mein amerikanischer Freund will Pfeifentabak kaufen. Der Ladeninhaber sagt laut: "Warten Sie doch, bis Sie wieder im Reich sind. An der Saar bekommen Sie nur scheußliches Zeug." Obgleich weitere Kunden hereinkommen, spricht er ruhig weiter: "In unser eigenes Vaterhaus dürfen wir nicht ohne Paß hinüber. Aber ehe dies Jahr zu Ende ist, wird sich manches geändert haben!" – In einem kleinen Ort, in der Nähe Merzigs, will ich Benzin für den Wagen tanken. "Wie schön, daß Sie aus dem Reich zu uns herüberkommen", sagt die Frau. "Man hat uns also nicht vergessen!" – Ich gehe in ein Geschäft, um Saar-Bilder auszusuchen, und frage mit todernstem Gesicht nach Aufnahmen des "Herrn Ministerpräsidenten". – "Vom Hoffmann, meinen Sie?" werde ich korrigiert. "Was für Bilder wollen Sie da haben?" "Jubelnde Volksmengen!" sage ich. Da begreift der Verkäufer und lacht hell heraus. – "Mit einem Handköfferchen ist Hoffmann 1945 zurückgekommen", sagt mir ein Saarpolizist in Neunkirchen. "Jetzt hat er Millionen."

Aber man hört auch andere Stimmen: "1934 hat Hoff mann gesagt ‚Für Deutschland; gegen Hitler!‘ Vielleicht hat er damals schon gelogen. Alle haben-sie gelogen, die ganzen ‚Status-quo‘- – Brüder. Hitler hat eben doch recht gehabt." – Hier liegt die große Gefahr. Der ganze Kampf der inneren Widerstandsbewegung und der verantwortungsbewußten politischen Emigration – und zu ihr haben an der Saar Männer wie der frühere Reichsinnenminister Wilhelm Sollmann und der Publizist Rudolf Olden gehört – wird durch die Politik Frankreichs und der Regierung Hoffmanns im Nachhinein kompromittiert. Ja, man hat Grund zu fürchten, daß die Saar, Schauplatz des ersten nationalsozialistischen Sieges, auch heute zur Geburtsstätte eines neuen Nationalsozialismus werden könnte. Denn: Je mehr sich der Druck steigert und je mehr man an der Saar den Europa-Gedanken lächerlich macht, desto sicherer wird man die Ressentiments wecken. Und jedes weitere Unrecht an der Saar wird ein Schlag gegen das Ansehen der deutschen Demokratie und der Bundesrepublik sein, unserer Bundesrepublik, die Europas direktes Bollwerk gegen den Sowjetismus ist.

Eine Macht gibt es nämlich, die die Saar nicht aus dem Auge läßt: die Sowjetunion. Schon bei den Wahlen von 1947 hatten die Kommunisten als einzige Partei gegen die Abtrennung von Deutschland Stellung bezogen. Und es ist seither im Saargebiet nicht vergessen, daß die Kommunisten es verstanden, bei der ersten großen Demonstration, die am 1. Mai 1950 stattfand, die Führung an sich zu reißen. Die Kommunisten waren es, die plötzlich schwarzrotgoldene Fahnen mitbrachten. Fahnen, die dann auf Weisung der französischen Leitung von der Saar-Polizei als "provokatorische ungenehmigte Transparente" gewaltsam aus dem Zug der Zehntausend entfernt wurden.

Heute besteht die Gefahr, daß sich viele Saarländer den Kommunisten zuwenden, nicht weil sie selber Kommunisten geworden sind, sondern weil diese eine scheinnationale Parole vertreten und bei alledem die Macht Rußlands hinter sich haben. Die Verbindung der rechts- und linksradikalen Elemente hat schon der Weimarer Republik schweren Schaden zugefügt.

Zweifellos hat die Bundesregierung die Saarfrage ohne genügende Energie behandelt. Es war bereits ein Fehler, an der Seite des Saargebietes, dieses widerrechtlich abgetrennten deutschen Gebietsteils, in den Europarat hineinzugehen. Die Bundesregierung mag gedacht haben, daß sich schon alles finden werde und daß die freundschaftlichen Beziehungen zu Frankreich das wichtigste Ziel seien. Aber Freundschaft zwischen Nationen – wie zwischen Einzelmenschen kann doch nur auf der Grundlage der Gleichheit aufgebaut werden. Und ein Unrecht wird nicht dadurch aus der Welt geschafft, daß man es ignoriert.

Andererseits freilich hat sich gerade die Regierung des Bundeskanzlers Dr. Adenauer mit Recht den Ruf erworben, es Frankreich gegenüber ehrlich mit dem Verständigungswillen zu meinen, und das mag heute in der Saarfrage ihr größtes politisches Kapital sein. Dennoch hat die Pariser Presse den Protest des Bundeskanzlers gegen die Unterdrückung der Saar-Opposition als "ungehörig" bezeichnet. Es wird jetzt die Aufgabe des Deutschen Bundestages sein, ohne Unterschied der Parteien, der Regierung die nötige Festigung zu geben, damit jene Wege eingeschlagen werden können, die allein zu einer Lösung der Saarfrage führen werden.

Hier geht es ja schließlich um mehr als um ein deutsches Problem und eine französische Prestigefrage. Hier geht es darum, im europäischen Hause das Recht auf Selbstbestimmung wiederherzustellen. Es ist dasselbe unteilbare Menschenrecht, das alle Nationen Europas gegenüber dem Ansturm des totalitären Sowjetismus zu verteidigen haben.