Johannes Hoffmann zwar beruft sich heute auf die Landtagswahl von 1947. Aber daß die Landtagswahl von 1947 keine freie Wahl war, habe ich in vielen Gesprächen im Saargebiet bestätigt erhalten. Der separatistische Machtapparat, der jene Landtagswahl vorbereiten und kontrollieren sollte, ist über zwei Jahre lang mit jedem Mittel der Finanzierung, der Bestechung und des unmittelbaren politischen Druckes aufgebaut worden. – Man muß den Lauf der Dinge richtig sehen: Vom 21. März bis zum 10. Juli 1945 war das Saargebiet von amerikanischen Truppen besetzt. Die Amerikaner, als Besatzungsmacht beliebt, verhielten sich politisch neutral, wobei sie der unglückseligen Geheimdirektive JCS 1067/6 folgen mußten, die – gerichtet an den Oberkommandierenden der amerikanischen Streitmacht in Deutschland – verhinderte, daß an der Saar ein verantwortungsbewußtes politisches Laben begonnen und die Grundlage zu neuen Parteien gelegt werden konnte. Dieses Vakuum wurde sogleich von Frankreich benutzt, heimlich die Kaders des Movement de Rattachement de la Sorte (MRS) aufzubauen. Sie standen fertig da, als die Amerikaner abzogen und als die Saar Teil der französischen Besatzungszone wurde. So ist es zu erklären, daß während des Wahlkampfes 1947 die Frage der Abtrennung von Deutschland absichtlich unterbelichtet wurde. Es hieß nur, es werde die Hungerzeit zu Ende gehen und keine Demontage einsetzen, falls die Saar eine wirtschaftliche Anlehnung an Frankreich wolle. Dabei waren hier zum großen Teil schon vollendete Tatsachen geschaffen worden. Im Januar 1946 waren die Saargruben in französische Verwaltung übernommen worden. Im Dezember wurden besondere, nicht übertragbare Rheinmigungen für den Warenverkehr mit der Rheinpfalz, mit Baden und Württemberg eingeführt, und es wurde eine selbständige "Saar-Eisenbahn" errichtet. Im Januar 1947 kam das Einfuhrverbot für deutsche Zeitungen; im Februar erklärte sich der Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten des französischen Parlaments einstimmig für den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich. Die Reichsbank wurde liquidiert, die "Saarmark" wurde eingeführt. Dann war es soweit; Am 10. April 1947 erhob der französische Außenminster Bidault auf der Konferenz der Außenminister in Moskau jene Forderungen, die später durchweg "freiwillig" vom Saar-Landtag erfüllt wurden: Wirtschafts- und Währungseinheit, Ausscheiden des Saarlandes aus der Zuständigkeit des Kontrollrates, Einführung einer saarländischen’ Staatsangehörigkeit, einer saarländischen Verfassung, Einführung eines französischen Hochkommissars, außenpolitische Vertretung durch Frankreich und Schutz der Saar durch französische Truppen.

Wie sehr bei alledem während des Wahlkampfes die Bevölkerung eingeschüchtert wurde, darüber gibt eine Denkschrift des Department of State vom Oktober 1947 Auskunft: "Diejenigen, welche sich der gegenwärtigen Tendenz am entschiedensten feindselig zeigten, wurden aus dem Saarland ausgewiesen. Diese Aktion kam auf ihren Höhepunkt im Juni 1947, als ungefähr 1500 Familien aus der Saar vertrieben und in andere Teile der französischen Besatzungszone zerstreut wurden."

Ein Ausschuß, dessen Sitzungen nicht öffentlich waren und der zur Hälfte aus Mitgliedern des Mouvement de Rattachement de la Sarre bestand, während die andere Hälfte vom Gouverneur ausgewählt und bestätigt wurde, arbeitete einen Verfassungsentwurf aus. Acht Tage vor der Wahl wurde er auf französisch im Bulletin Officielle in Paris veröffentlicht. Auf deutsch aber wurde er erst einen Tag vor der Wahl in einer Auflage von nur knapp 45 000 Exemplaren den Bürgermeistern zugestellt; Drucksachen sollten nur "auf Verlangen" ausgegeben werden. Es mögen 2 v. H. der Bevölkerung gewesen sein, die vor der Wahl davon Kenntnis hatten.

Das Entscheidende an der vom Landtag am 8. November 1947 angenommenen "Verfassung" ist die Präambel, in der der "Wirtschaftsanschluß" an Frankreich und die politische Trennung von Deutschland festgelegt sind. Diese Punkte sind die "Grundgedanken", und es ist typisch, daß eine Änderung der Verfassung gemäß Artikel 103 unmöglich ist, soweit es sich um diese "Grundgedanken" handelt. Aus der Atlantic Charter freilich hätte sich zwingend eine Volksbefragung ergeben müssen. Aber Gilbert Grandval, der Hochkommissar der Saar, lehnte dies ausdrücklich ab mit der Begründung, daß die überwiegend katholische Bevölkerung "unter dem Einfluß des Bischofs von Trier steht, der ein Gegner des Anschlusses an Frankreich ist". Es wäre dem Bischof ein leichtes, so sagte er, "bei einer geheimen Volksbefragung durch die katholischen Geistlichen die Annahme der Verfassung zu verhindern". Und er fügte hinzu: "Ich werde ihm diese Gelegenheit nicht geben."

Noch heute arbeiten im Bestreben, diese entscheidende geistliche und nationale Bindung für immer zu brechen, Johannes Hoffmann, Gilbert Grandval und der französische Abgeordnete Jacques Bardoux daran, die Saar aus der Jurisdiktion der Bischöfe von Trier und Speyer herauszulösen, sie zu einem eigenen Bistum zu machen oder aber sie Metz zu unterstellen. Daß diese Aussichten nur gering sein können, habe ich jüngst während eines Aufenthaltes in Rom erfahren, und dies ist die Geschichte, die ich zu erzählen versprach: Der Vatikan, der strikt abgelehnt hat, dem polnischen Verlangen nach einer kirchlichen Neuordnung in den deutschen Provinzen östlich der Oder-Neiße zu entsprechen, betrachtet es als ebenso unmöglich, einer kirchlichen und nationalen Demontage deutschen Gebietes im Westen zuzustimmen.

"Die Saardeutschen sind ein friedliches Volk", sagte mir Karl Hillenbrand, der Gewerkschaftsführer, als wir über das Grubenabkommen sprachen. "Es braucht lange, bis sie sich wirklich aufregen. Aber jetzt ist so bald soweit. – Die "Regierung" Hoffmanns hat die Saargruben auf 50 Jahre verpachtet. Pro Tonne erhält der Saar-"Staat" 30 Francs. Die französische Grubenverwaltung verkauft die Tonne für 3500 Francs. Zum Ausgleich der Gestehungskosten und Verwaltungsausgaben zahlt die Saar sechs Milliarden Francs im Jahr. Von den ihr zugesagten Marshall-Geldern, die./vor allem zur Modernisierung der Gruben und zum Neubau der furchtbar zerstörten Städte verwandt werden sollten, hat die Saar erst einen ganz kleinen Teil erhalten. 23 Milliarden Francs liegen noch in Paris fest. – 60 v. H. aller flüssigen Gelder und 30 v. H. aller Spargelder werden abgesaugt und in Paris festgelegt: es sind dies heute schon acht Milliarden Francs. – "Die Preise sind in den letzten neun Monaten um über 18 v. H. gestiegen", sagte Hillenbrand. Dieser Mann, der seit 50 Jahren in der christlichen Gewerkschaftsbewegung steht und der die Nationalsozialisten immer bekämpft hat, glaubt noch heute an die Völkerverständigung: "Wir wollen keinen Konflikt mit Frankreich. Aber aus dem, was jetzt hier geschieht, kann nichts Gutes kommen. Ein Drittel der Arbeiterschaft ist im Bergbau beschäftigt. Sie hat die harten französischen Brotgeber schon nach dem ersten Weltkrieg erlebt."

Auch die ehemaligen Röchling-Werke, die Fabriken in Dillingen, Bebrach und Bous, gehören heute praktisch zu Frankreich. Die Saar-Eisenbahnen haben einen französischen Generaldirektor, M. Werner. Wie stark die Machtstellung der Franzosen ist, ergibt sich daraus, daß, wenn sie es verlangen, Zehntausende, die auf Grund des "Staatsbürgergesetzes" vom 15. Juli 1948 graue statt roter Pässe besitzen, jederzeit ausgewiesen werden können. Alle "Ausländer" – also Deutsche – unterliegen auf Gund eines Gesetzes vom 29. Juli 1948 der sofortigen Landesverweisung, wenn "die öffentlichen Belange es erfordern".

Heute soll die Gallisierung, die nach dem ersten Krieg fehlschlug, auf Grund eines "Kulturabkommens" vom 15. Dezember 1948 erreicht werden. Nicht nur die neugegründete Universität in Homburg ist französisch kontrolliert. Französisch ist schon vom zweiten Schuljahr an Pflichtfach. Überhaupt: Es wird viel von "Autonomie" und "Unabhängigkeit" geredet, aber bei wem die wirkliche Macht ruht, dies zeigt ein geheimes Ergänzungsabkommen zu den Saarkonventionen vom 3. März 1950, das mir vorliegt. Wenn man vom Hitler-Regime als dem "SS-Staat" sprechen konnte, so kann man das Saar-Regime den "Sûreté-Staat" nennen. Denn das geheime Ergänzungsabkommen lautet: Erstens, die Organe der französischen Sûreté im Saarland arbeiten mit der saarländischen Polizei in allen sie interessierenden Angelegenheiten zusammen. Sie lassen sich gegenseitig jede wünschenswerte. Hilfe zukommen. Zweitens, zwischen den französischen und den saarländischen Polizeiorganen erfolgt ein Nachrichtenaustausch in allen Fällen, die den anderen Staat interessieren könnten. Die saarländische Polizei läßt insbesondere den Organen der französischen Sûreté alle Mittellungen zugehen, die gemäß Artikel 7, 8 und 9 des "Allgemeinen Abkommens zwischen Frankreich und dem Saarland" von Wichtigkeit sind. (Diese Artikel beziehen sich auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch die Saarpolizei, die Grenzüberwachung, die Verhaftung und Durchsuchung saarländischer Staatsangehöriger, das Eingreifen der bewaffneten Macht und die Verfolgung von Verbrechen und Vergehen jeder Art.) Drittens, die Regierung des Saarlandes wird höhere Polizeibeamte nur im Einvernehmen mit dem Vertreter Frankreichs im Saargebiet ernennen. Viertens, die französische Regierung wird, soweit dies möglich ist, Bitten der saarländischen Regierung um Abschaffung etwa auf personellem Gebiete sich ergebender Schwierigkeiten entsprechen. Fünftens, die Saar-Regierung verpflichtet sich, niemanden einer diskriminierenden Behandlung wegen Tätigkeiten zu unterwerfen, die im beiderseitigen Interesse liegen. Sechstens, für eine angemessene Übergangszeit wird die Saar-Regierung von ihrem Recht der Verleihung der saarländischen Staatsangehörigkeit an Ausländer nur im Einvernehmen mit dem Vertreter Frankreichs Gebrauch machen. Siebtens verpflichtet sich die Regierung des Saarlandes, bei der Entscheidung über die Gewährung oder den Entzug der Aufenthaltserlaubnis im Saarland den Wünschen der zuständigen französischen Dienststellen gebührende Beachtung zu schenken. Mit anderen Worten: Diktatur! So also sehen die wirklichen Stützen der Saar-Regierung aus, des "Europäischen Marokko", wie das Volk sie nennt. Und dennoch hoffe ich: Es ist wie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Die Magie der Macht zerbricht, sobald jeder die Wirklichkeit erkennt!