Kurz vor Eröffnung der 40. DLG-Ausstellung 1950 war in der Deutschen Landwirtschaftlichen Presse" der stolze Satz zu lesen: "Am 11. Juni wird die größte Landmaschinenschau Europas nach dem Kriege ihre Pforten öffnen." Eine Nummer später, noch bevor die Ausstellung zu Ende ging, schrieb in der gleichen Zeitschrift ein Bauer, daß man sich bei der Aufgabe, die landwirtschaftliche Notlage der Nachkriegszeit zu überwinden, bisher allzusehr auf die technische Seite beschränkt und die organisatorische Seite vernachlässigt habe. "Was nützen", fragte er, "die Ergebnisse der Wissenschaft und die Erfahrungen tüchtiger Praktiker, wenn sie nicht Allgemeingut aller Landwirte werdet? Es besteht großes Interesse daran, sagen zu können, wie die breite Masse der durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Betriebe es machen muß, um an die Spitzenbetriebe heranzukommen."

Mit dieser Feststellung, worum es eigentlich geht – nämlich um die Verwirklichung der technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften in der allgemeinen Praxis –, hatte der Bauer mitten ins Schwarze getroffen.

Max Eyth hat als Ausstellungsgrundsatz u. a. aufgestellt, daß nicht nur "vollbrachte Leistungen" gezeigt; sondern besonders auch "die dringlichsten Aufgaben und Arbeitsgebiete" dargestellt und dem allgemeinen Bewußtsein nahegebracht werden sollten. So gehören auch 1951 auf der 41. DLG-Ausstellung in Hamburg die glanzvolle Leistungsschau und ihr dunkler Hintergrund untrennbar zusammen. Das Durchschnittsniveau aller landwirtschaftlichen Betriebe, wonach allein sich die gesamte Erzeugungsleistung und Lebensfähigkeit unserer Landwirtschaft richtet, gehört ebenso dazu, wie der durch Spitzenbetriebe repräsentierte oder zunächst nur durch Ausstellungen und Versuchsfeld-Vorführungen sichtbar gemachte Stand der technisch-wissenschaftlichen Möglichkeiten. Die Aufgabe unserer Landwirtschaft ist so groß wie der Abstand zwischen diesen Polen "Wirklichkeit" und "Möglichkeit".

In der "Deutschen Landwirtschaftlichen Presse", nämlich in dem Aufsatz "Selbsterkenntnis" (Nr. 9), wurde kürzlich mitgeteilt, daß in manchen Teilen des Bundesgebiets die landwirtschaftliche Erzeugungsleistung je volle Arbeitskraft innerhalb gleicher Gemeinden bei den schlechtesten Betrieben knapp 20 v. H. und beim Durchschnittsniveau aller Betriebe knapp 40 v. H. vom Leistungsstand der jeweiligen Spitzenbetriebe ("Richtbetriebe" = 100 v. H.) beträgt. Angesichts derart katastrophaler Ergebnisse kann der Notruf aus der Praxis gar nicht oft und nachdrücklich genug wiederholt werden: "Wie muß die breite Masse der Bauern es machen, um an die Spitzenbetriebe heranzukommen?" Im Sinne des Begründers der DLG-Ausstellungen, dessen Geist und harter Tatsachensinn auch heute mitten unter uns lebendig ist, steht die Beantwortung dieser Frage allen anderen Aufgaben weit voran.

Die Ursachen solcher Leistungsbilder, eines durchschnittlich so niedrigen Leistungsstandes unserer Landwirtschaft also, sind – wie Betriebserhebungen und Erfahrungen der Wirtschaftsberatung gezeigt haben – im wesentlichen nicht sachlicher, sondern persönlicher Natur. Deshalb ist die Aufgabe von der rein technischen Seite her unlösbar Ob Kuhgespann und Ziehbrunnen oder Vollmechanisierung, ob nichts als Stelzpflug und mittelalterliche Schlaghacke oder Vielfachgerät, ob zersplitterter oder arrondierter Besitz, leerer oder voller Geldbeutel, auf die Dauer ist für den Betriebserfolg allein die Persönlichkeit ausschlaggebend, die sich weitgehend aus der Geistesverfassung des Bauern ergibt. Diese wird vielfach, wie man immer wieder hören kann, als Naturanlage, als unabänderlich gegebene Größe angesehen. In Wirklichkeit ist sie jedoch – von wenigen, für den Bauernstand keineswegs typischen Ausnahmefällen abgesehen – nur die Folgeerscheinung einer totalen geistigen Unterernährung.

Hier muß der Hebel angesetzt werden. Die Denk- und Lebensweise des Bauern, seine Vorstellungswelt, hat Ausgangspunkt für Anregungen jeder Art zu sein, wenn man nicht immer wieder an seinem Auffassungsvermögen, an seiner Aufnahmebereitschaft vorbeireden und auf Anregungs- und Einwirkungsmöglichkeiten verzichten will. Nur dann wird es auch dem durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Bauern möglich sein, "seine vorhandenen, mehr oder weniger überlagerten Energien und Anlagen freizulegen und – in seinem Rahmen – zum geistigen Leben zu erwachen". Ausstellungen, Filme, geeignete Bücher und alle nur denkbaren, möglichst bildhaften Anschauungsmittel müssen daraufhin zusammenwirken, "bis er seine wahre Lage erkennt und ihm ein Licht aufgeht über all den innerbetrieblichen Zusammenhängen, über den Auswirkungen seiner Bewirtschaftungsweise und über all den Möglichkeiten, die ihm selbst in die Hand gegeben sind".

Wie notwendig auch immer die Staatshilfe bleibt, sei es in der Berufsausbildung, Wirtschaftsberatung, durch Subventionen oder in Durchführung agrarpolitisch erforderlicher Maßnahmen: entscheidend ist (dafür hat der dänische Bauer ein Beispiel gegeben) eine immer weiter um sich greifende Bauernbewegung, die ganz dieser Aufgabe dient und sie als unverrückbares Ziel im Auge behält.

Das ist die dringlichste Aufgabe in unserer Landwirtschaft. Das Andenken des Begründers der DLG-Ausstellungen könnte auf keine bessere Weise geehrt werden, als durch ihre tatkräftige Inangriffnahme. H. Müller-Dußlingen