Von Olav Sölmund

Der gute und weise Huang-Tsi liebte es, seine Spaziergänge auf die Friedhöfe auszudehnen, wo die Toten nach der Sitte des Landes unter Hügeln von festgestampftem Lehm ruhten. Als ihn der Fürst von Wei an seinen Hof berufen hatte, blieb er seiner Gewohnheit treu und besuchte, sobald er es ermöglichen konnte, den Weiheplatz der Toten der fürstlichen Residenz. Während er von Hügel zu Hügel schritt, erblickte er plötzlich eine junge, überaus schöne Frau im weißen Trauergewande. Sie saß neben einem Grabe, dem sie mit einem großen Fächer unablässig Luft zuwehte. Das erregte die Wißbegier des Weisen und hinzutretend richtete er die Frage an die Trauernde: "Darf ich wissen, zarte Lilienblüte, wer unter diesem Hügel ruht und warum du so emsig den Fächer bewegst? Wisse, du Schöne, ich bin ein Philosoph, ich gehe gerne den Dingen auf den Grund, und dein Tun ist mir rätselhaft!"

Die Schöne errötete bei diesen Worten, wandte den Kopf zur Seite und fächelte weiter Luft über das Grab ohne dem Weisen zu antworten. Dieser wiederholte nach kurzem Besinnen seine Frage, doch blieb der Mund der Schönen verschlossen, nur die Hand rührte eifriger den Fächer. Als auch beim dritten Fragen kein Laut von den Lippen der jungen Frau kam, entfernte sich der Weise mißmutig, weil diesmal seine Wißbegierde unbefriedigt blieb.

Wenige Schritte hatte er getan, als ihm aus dem Schatten eines Baumes eine alte Sklavin entgegentrat.

"Edler Weiser", redete sie ihn an, "ich vernahm Eure Fragen. Wisset, ich bin die Dienerin der schönen Tai-Li. Wenn Ihr mir eine kleine Gabe aushändigen wollt, damit ich Räucherkerzen für den Altar im Tempel der Unsterblichkeit kaufen kann, will ich Eure Neugier wohl befriedigen!"

Huang-Tsi entsprach ihrem Wunsche, und nachdem sich die Alte mit vielen Kotaus verneigt hatte, sprach sie: