Man sollte sich die folgenden Tatsachen in Erinnerung rufen: Der durchschnittliche Anteil für sämtliche kulturelle Ausgaben am Gesamtetat der deutschen Bundesländer beträgt 7 bis 8 v. H. (wobei der Finanzausgleich zwischen Land und Gemeinden unterschiedlich ist). Die „Stadtrepubliken“ scheinen – eine mit 8 v. H. der Aufwendungen allein für die Schule – günstiger daran zu sein. Seit 1927 hat es für den Lehrer keine Gehaltserhöhung gegeben, während die Lebenshaltungskosten ständig stiegen. 40 000 Schulräume fehlen im Bundesgebiet. Das führt durch überfüllte Klassenzimmer und zweischichtigen Unterricht zu stärksten Belastungen für Lernende und Lehrende. Man erinnere sich schließlich der „Bundeskinder“ in Bonn, der nachdrücklichen Opfer eines durch die Länderautonomie gestörten, uneinheitlichen Schulwesens, und man wird es begreiflich finden, daß der Kongreß der deutschen Lehrerverbände, der mit 600 Vertretern in Stuttgart tagte, zu einer eindringlichen Demonstration wurde.

Die deutsche Schule ist in Not. Der Lehrer ist durch die Schulpolitik der letzten zwanzig Jahre in die Rolle des letzten Mannes des „letzten Standes“ – der Intellektuellen – geraten, er ist durch Überalterung, Überlastung und Abwanderung junger, lebendiger Kräfte in wirtschaftlich aussichtsreichere Berufe nahe an die gefürchtete Karikatur des „Paukers“ gedrängt worden. Er müßte aber der wichtigste Stand sein. Jeder Mensch verbringt acht bis dreizehn Jahre seines Lebens in der Schule. Der Lehrer ist „die erste gesellschaftliche Objektivation“, wie es Bundespräsident Heuss ausdrückte, ein zunächst bereitwillig akzeptiertes Vorbild für den heranwachsenden Menschen. Bei der heute oft vollständig oder zum Teil aufgelösten Familie hat das erzieherische Gewicht von Schule und Lehrer noch zugenommen.

Jede Diskussion um die Schule hat sich mit der gegenwärtig gültigen Vorstellung von „Kultur“ auseinanderzusetzen. Die Rede von Theodor Heuss führte mit Bedacht von der gängigen deutschen – nicht ungefährlichen – Definition des Kulturbegriffs als Gegensatz zum Zivilisatorischen über seine historischen Metamorphosen bis zu seiner gegenwärtigen Funktion, die berufliche Leistung und mitmenschliches Verhalten mindestens so sehr einschließt wie Hervorbringung des Schönen und Genuß daran.

Diese Funktion muß auch in der Schule positiv sichtbar werden. Gelingt das nicht, so ist das genormte Chaos, die Pseudo-Ordnung des östlichen Exempels, unausweichlich. Bei dem heutigen Wirrwarr in der Schulpolitik, so warnte der Berliner Vertreter, sei es kaum möglich, den massiven Methoden der östlichen Schulpolitik wirksam entgegenzutreten.

Die Überwindung der Länderautonomie, eine in den Methoden differenzierte, im Grundsätzlichen der einheitlichen deutschen Schule – das erschien deutlich als Kernproblem der Stuttgarter Gespräche und Voraussetzung für alle übrigen pädagogischen Bemühungen. Zu dem Kardinalthema „Einheit der deutschen Schule“ wurde die Einbeziehung des Schul- und Erziehungswesens in die konkurrierende Gesetzgebung des Bundes, also eine Abänderung des § 74 des Grundgesetzes, der das Bildungswesen der Kompetenz des Bundes entzieht, gefordert. Der Grundsatz, daß jedes Kind den Anspruch auf eine seinen Fähigkeiten entsprechende Ausbildung habe – ohne Ansehen der sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen –, darf, so wurde betont, nicht von regionalen Verhältnissen, etwa von einer mangelhaften Kulturfreudigkeit der Instanzen oder von konfessionellen Bestrebungen abhängig gemacht werden.

Eine weitere Resolution verlangte das Festhalten an die Staatsschule und am Staatsbeamtentum der Lehrer und forderte als notwendige Ergänzung zur staatlichen Verwaltung „von oben“ eine aktive Selbst- oder Mitverwaltung von Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft. Mit großer Lebhaftigkeit wurde die Sicherung der Geistes- und Meinungsfreiheit verfochten und ein entschiedenes Vorgehen gegen alle Erzieher angeraten, die den Grundsatz einer echten Toleranz verletzen. (Hier wandte man sich nicht nur gegen die östliche Reglementierung, sondern auch gegen Formulierungen, wie sie im Schulgesetz von Nordrhein-Westfalen gebraucht werden und die zu einer Intoleranz gegen die konfessionelle Minderheit führen könnten.)

Ein wichtiger, nicht nur wirtschaftlicher Punkt, ist die mangelhafte Besoldung der Lehrer. Sie bestimmt unmittelbar seine soziale Stellung und seine pädagogischen Qualitäten. Sie muß auf die Dauer seine Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten beeinträchtigen. Die bisher gewährte Teuerungszulage wurde als unzureichend bezeichnet, die Besoldung der Junglehrer vor allem steht in gar keinem Verhältnis zu der Wichtigkeit ihrer Aufgabe.

Über eines sollte man sich im klaren sein: die Schule ist ein Anliegen aller Staatsbürger. „Auf der Ebene des Geistigen“, sagte Theodor Heuss, „gibt es keine Autonomien. Im höheren Raum können die Dinge nur gemeindeutsch gewertet werden.“ Kyra Stromberg