Wir waren in einem dramatischen Augenblick gekommen. Der Propagandachef der Regierung, ein gewisser Karl Hoppe, der 1947 als Kommunist gewählt worden war und seitdem dem Kommunismus abgeschworen haben will, hatte gerade über Radio Saarbrücken und in der Presse zum Sturm gegen die Opposition angesetzt. Dabei wurde er von den drei Hauptredakteuren der Hoffmannschen "CVP-Zeitung", dem Organ der "Christlichen Volkspartei", redlich unterstützt: Albert Dörscheid, Adolf Franke und Dr. Eugen Becker, alle drei ehemalige Nationalsozialisten. – "Wirklich ehemalige Nazis?" fragte ich. Und die Antwort lautete: "Wer an der Saar Nationalsozialist ist, das bestimmt sich nach seiner jetzigen Haltung gegenüber der Besatzungsmacht..."

Die Polizeimacht, ohne die auch die pfiffigste Propaganda nichts ausrichten kann, wird vom Innenminister Edgard Hektor dirigiert. Er ist an deutscher Saarländer, der als Franzose erzogen wurde. Seine große zur Schau getragene Frömmigkeit hindert auch die Priester, mit denen ich sprach, nicht, ihn als den "bösen Geist des Saar-Bandes" zu bezeichnen. Dies also ist der Mann, der im Zusammenwirken mit der Sûreté und dem Deuxième Bureau die neue saarländische Geheimpolizei schuf. Dies ist der Mann, der während des Heiligen Jahres die saarländischen Rompbilger bespitzeln ließ, ob sie etwa heimlich in den Vatikan gehen, gar bei der Generalaudienz dem Papst das Wort "Trier!" zurufen würden. Und daran hängt eine ganze Geschichte, die wir beizeiten erzählen werden ...

Untersuchen wir vorerst den gegenwärtigen Tatbestand! – Die DPS ging in Opposition. Daß die "Demokratische Partei des Saarlandes" überhaupt zu einer nichtkontrollierbaren Opposition wurde, war für die Regierung Hoffmanns ein Mißgeschick, das er weder voraussehen noch verhindern konnte. Die DPS hatte zu den vier vom französischen Militärgouverneur, dem jetzigen Hohen Kommissar Gilbert Grandval, lizensierten Parteien gehört. Dennoch hatte derselbe Hohe Kommissar sehr bald vier der sechs Gründungsmitglieder durch die Sûreté entfernen lassen, worauf die liberale Frankophilie der Partei gesichert zu sein schien. Aber im Sommer 1950 kam es innerhalb der Partei zu einem Umsturz: Fortan ging die DPS unter Führung des früheren Zentrumsvorsitzenden Richard Becker in Opposition und begann zu einem Sammelpunkt aller deutschgesinnten Kräfte zu werden. Dies wirkte sich in Hoffmanns "Christlicher Volkspartei" nicht minder aus als in den Reihen der Arbeiterschaft. Hoffmann begann zu fürchten, es könne bei den nächsten Wahlen einen politischen Bergrutsch geben. Sah er doch, daß die Opposition in der Persönlichkeit des hochangesehenen christlichen Gewerkschaftsführers Karl Hillenbrand einen wesentlichen Bundesgenossen gewonnen hatte. Immerhin zählen die christlichen Gewerkschaften, die erst 1947 wieder erfanden, jetzt bereits vierzigtausend Mitglieder (die Freien Gewerkschaften übrigens achtzigtausend) Die drei H.’s, nämlich Hoffmann, Hektor, Hoppe, bekämpften die Opposition mit Zeitungs- und Versammlungsverboten und schließlich mit einer Diffamierungskampagne: sie fälschten ein Telegramm, das die niedersächsische SRP an ihre "Brüder" geschickt haben sollte, um so die "Naziverbindungen" der DPS zu beweisen. Aber der Betrug war so plump, daß er schon nach wenigen Stunden ans Licht kam. Nun mußte Hektors Polizeiapparat an die Stelle von Hoppes Propaganda treten. Die Einzelheiten habe ich miterlebt.

Gerade in den Tagen, da ich an der Saar war, sollte die DPS dem Präsidenten des Europarats, Henri Spaak, ein Protestschreiben überreichen, in dem die völlige Ausschaltung aller Grundrechte, der Meinungs-, Presse-, Koalitions- und Versammlungsfreiheit, festgestellt und darauf hingewiesen wurde, daß es im Saarland keine gerichtliche oder Verwaltungsinstanz gebe, vor der der Staatsbürger seine Rechte geltend machen könne. Es sei demnach Aufgabe des Europarats, sich mit dieser Frage zu befassen. – Da erschien ein Beamter des saarländischen Innenministeriums und nahm den drei Parteivorsitzenden Becker, Schneider und Hillenbrand ihre Pässe ab. Sie erhielten neue Pässe ausgehändigt, in denen die Buchstaben IF standen – indesirable en France! – unerwünscht in Frankreich ... Gleichzeitig bekamen sie einen Brief des Innenministers Hektor: Im Auftrage des Hohen Kommissars wurde ihnen eröffnet, daß sie verhaftet und bestraft würden, sollten sie auf französischem Gebiet betroffen werden. Doch bald darauf wurde ersichtlich, wie gut der Abhördienst funktioniert: Eine halbe Stunde, nachdem Schneider einen Freund angerufen und ihm gesagt hatte, daß er seinen "IF"-Paß dem Straßburger Europarat zur Ansicht schicken werde, erschien wiederum ein Beamter und forderte den Paß zurück!

Diktatur im Schatten

Es ergibt sich hier die Frage, wieso solche Zustände an der Saar, diesem Lande der mesquinsten aller Diktaturen, die wir je erlebt haben, überhaupt möglich sind. Fest steht, daß die Macht der Diktatur an der Saar im wesentlichen darauf beruht, daß die Weltöffentlichkeit sich bislang nicht genug um sie gekümmert hat! An der Saar herrscht Jagdfreiheit. Rücken jedoch jene völkerrechtswidrigen Zustände erst einmal ins volle Scheinwerferlicht, dann mag sich eines Tages ergeben, daß Europa die Fiktion, wir lebten immer noch im Jahre 1945, nicht länger ertragen kann! Dies ist auch der Grund, warum die "Saar-Regierung" unter allen Umständen verhindern wollte, daß sich der Europarat mit der Saar beschäftige: Kaum waren drei Mitglieder der Saar-Delegation am Gebäude des Europarats zu Straßburg eingetroffen, als sie verhaftet wurden. Vier Stunden Verhör. Dann wurden sie per Schub ins Saargebiet zurückbefördert.