Von Hubertus Prinz zu Löwenstein

Wieder einmal ist das Saargebiet der neuralgische Punkt europäischer Politik geworden. An der Saar wird die europäische Idee sich bewähren oder untergehen. – Hubertus Prinz zu Löwenstein, der führend an dem Kampf um die Saar Anno 1934 beteiligt war, hat im Auftrage der "Zeit" das Saargebiet besucht. Wir glauben, daß heute niemand ein größeres Recht hat als er, sich über diese weltpolitisch bedeutsame Frage sachverständig zu äußern.

Saarbrücken! Plötzlich ward mir klar, daß ich mich in einem Staatsgebiet befand, das gar nicht existiert. Es gibt zwar einen Ministerpräsidenten, der Johannes Hoffmann heißt. Doch mit welchem Recht regiert er? Es gibt zwar ein Saar-Kabinett. Doch wer hat es berufen? Es gibt sogar eine Staatsflagge, blauweißrot mit weißem Kreuz; und da allerdings weiß man, woher sie stammt. Wurde doch der "Ministerpräsident", als er in Paris mit dem französischen Hochkommissar der Saar zu Tische saß, gelobt: "Wie genial, Herr Präsident, haben Sie unsere Trikolore variiert!" Worauf Hoffmann bescheiden erwiderte: "Mais non, monsieur! Es war Madame Hoffmann, der dieser Ruhm zukommt. Sie sagte mir: Johannes, du mußt deine Fahne aus der Sphäre des Provinziellen in die der hohen Politik überführen ..." Alles dies, worüber heute die Welt lächelt oder sich erregt, kann über folgenden Tatbestand nicht hinwegtäuschen:

Was heute unter dem Namen "Saargebiet" eine internationale Rolle zu spielen versucht, entbehrt jeder völkerrechtlichen Grundlage. Man definiert zwar seine zweifelhafte Existenz als "Wirtschaftsunion mit Frankreich". Doch wer wird leugnen, daß dies im Widerspruch zu den Artikeln 1, 2 und 3 der Atlantic Charter steht? Darin haben sich die unterzeichnenden Mächte verpflichtet, keine Vergrößerungen, seiei sie gebietsmäßiger oder anderer Art, anzustreben. Sie haben sich verpflichtet, Grenzveränderungen, die nicht im Einklang mit dem freien Willen der betroffenen Bevölkerungen stehen, zu verwerfen. Sie respektierten das Recht aller Völker, ihre eigene Regierungsform zu wählen. Bedenken wir doch, daß die Atlantic Charter auch die Unterschrift Frankreichs trägt! Bedenken wir auch, daß es eine Erklärung der vier Besatzungsmächte, betreffend die Übernahme der höchsten Regierungsgewalt in Deutschland, vom 6. Juni 1945 gibt, die unter dem Begriff "Deutschland" alle jene Gebiete anerkennt, die am 31. Dezember 1937 innerhalb seiner Grenzen lagen! Das Saargebiet ist demnach ein Teil Deutschlands geblieben!

Welche politische Luft heute im Saargebiet weht, fühlt man, sobald man die "Grenze" überschritten hat. – Wenige Tage, bevor ich in Beschritten eines amerikanischen Freundes, John W. Larson, nach Saarbrücken fuhr, war einigen deutschen Bundestagsabgeordneten, die zu einer Kundgebung der inzwischen verbotenen DPS reisen wollten, der Grenzübertritt verwehrt worden. Diesmal aber genügte der Anblick des US-Passes meines amerikanischen Freundes, damit uns beiden die Schlagbäume geöffnet wurden. Einst gab es den "deutschen Blick", mit dem man sich nach Lauschern und Gestapospitzeln umsah; der "saardeutsche Blick" ist weniger ängstlich. Immerhin ... "Passen Sie auf, gleich wird sich am Nebentisch der ‚dritte Mann‘ niederlassen. Man hat uns nämlich schon erkannt." So warnte im "Ratskeller" zu Saarbrücken gleich am ersten Abend ein Mitglied der oppositionellen DPS. Und im Büro des zweiten Vorsitzenden dieser Partei sah ich tags darauf, daß das Telephon unter einer gepolsterten Kiste stand. "Es gibt doch bekanntlich Abhörapparate..."