Dr. Julius Lippen, alter Parteigenosse, ehemaliger Chefredakteur des „Angriff“, Ex-Bürgermeister von Berlin und Ritter des Ordens König Leopold, den er für die Betreuung der Belgier während der Olympiade erhielt, steht in Brüssel vor Gericht. Er ist mit sechs anderen Deutschen angeklagt, an der Ermordung von Widerstandskämpfern und Geiseln beteiligt gewesen zu sein.

Als Major der Reserve war er von 1942 bis 1944 Kreiskommandant in Arlon. Er kam dorthin nach schlichtem Abschied als Stadtoberhaupt Berlins über verschiedene Stationen an der Ost- und Westfront und eine längere Krankheit. 1944 ging es in Belgien heiß her. Die Angriffe der Widerstandsbewegung hatten sich verschärft. Deutsche und Belgier wurden von Partisanen umgebracht. Die Kommandanturen griffen durch. Widerstandsnester wurden gewaltsam ausgehoben, Belgier verhaftet. Manches Feuergefecht nach einem hinterhältigen Angriff der Partisanen hinterließ Tote auf beiden Seiten. Dies alles ist heute nach sieben Jahren sehr undurchsichtig. Der Anklage fehlen die Kronzeugen genau so wie der Verteidigung. Beide können nur Allgemeines aussagen. Die Verteidigung: Lippert ist ein anständiger, korrekter Mann. Mit den Nazis hatte er seit 1939 nichts mehr im Sinn. Er überwarf sich mit Hitler und Goebbels wegen sozialer Wohnungsbaupläne. Er entwich, wie es viele taten, zur Wehrmacht. Seine Korrektheit als Verwaltungsbeamter und Mensch ist vielfach bezeugt. Ja selbst seine politischen Gegner sprechen für ihn, und zahlreiche belgische Juristen empören sich über die Anklage. Es war keiner da, der etwas Wesentliches gegen ihn sagen konnte. Demgegenüber der Staatsanwalt: Lippert war ein Nazi, ja sogar ein alter Parteigenosse, ergo eine „kalte Mördernatur“. Beweis: Der Ungeist der SS (der Lippert nicht angehörte), die Verbrechen Hitlers und die heldenhaften Partisanen. Und schließlich: In und um Arlon ist allerhand passiert. Der Angeklagte soll beweisen, daß er nicht dabei war und nicht dafür verantwortlich ist.

So schleppte sich eine schale Demonstration von Ressentiments, Haß und Hochmut über einige fünfzig Verhandlungstage. Vorläufiges Ergebnis: Die Anklage beantragte das Todesurteil, schlichtweg nach dem Prinzip der Kollektivschuld. Das geschieht sechs Jahre nach Kriegsende und nachdem der Angeklagte sich geweigert hatte, gegen belgische sogenannte Kollaborateure auszusagen! Am 29. Juni wird das Urteil verkündet werden – im Namen des Rechts...

Dieter Beste