H. H. Hannover, im Mai

Die deutsche Weinwerbung will Niedersachsen für den Wein gewinnen. Denn am Rhein und Main, an Mosel und Neckar wurden im letzten Jahr fast 400 Mill. Liter Wein gekeltert gegenüber 130 Mill. in dem Sonnenjahr 1947. Da die Ausfuhr zu wünschen übrigläßt und die Niedersachsen in der Bundesstatistik als schlechte Weintrinker aufgefallen sind, versucht man es mit neuen Wegen.

Die Niedersachsen sind keineswegs gegen lukullische Genüsse. Sie lieben guten Schinken und Speck, und die Braunschweiger haben mit ihren Würsten Weltruf. Sie sind zwar bisher schlechte Weintrinker, aber dafür um so bessere Biertrinker und pflegen die "Lüttje Lage": den "Klaren" zum Gerstensaft. Nun wollen es die Winzer vom Rhein in Hannover einmal mit einer Bekehrung zum Wein versuchen. Der 3. Juni ist zu "Vaters Weintag" auserkoren, und die Woche vom 4. bis 12. August soll in der Stadt an der Leine eine Weinwoche werden. Im Zusammenhang mit der Bundesgartenschau, von Frau Heuss feierlich eröffnet, werden 300 Winzer ein original rheinisches Weindorf "betreiben". Sie wollen den Mainzer Weinbrunnen mitbringen und mit Winzerkapellen in Straußwirtschaften unter dem Motto "Für 20 Pfennig einmal an den Rhein" die Hannoveraner zu gewinnen suchen.

Die westdeutschen Winzer gehen durchaus nicht etwa mit amerikanischen Propagandamethoden an ihre Aufgabe heran: Sie suchen nicht nur eine Absatzsteigerung, sondern möchten echte Weinkenner und Weinfreunde in diesem Land des Bieres heranziehen. Wir wissen nicht, wie die Niedersachsen reagieren werden, denn schließlich sind sie Nachfolger der alten Germanen, von denen Tacitus gesagt hat, daß sie auf Bärenfellen lagen und den Met, Vorgänger unseres Bieres, in vollen Zügen genossen. Sie haben damals an ihrer Westgrenze im Teutoburger Wald unter Hermann dem Cherusker Varus und seine römischen Legionen zurückgeschlagen, als er ihnen nicht nur den Wein, sondern auch die römische Herrschaft bringen wollte. Ihre damalige Entscheidung war indirekt gegen den Wein gerichtet. Es könnte also die Gefahr bestehen, daß sie sich auch an den Weintagen von ihrer Gewohnheit zur Quantität bestimmen lassen und dann zwischen den rheinischen Winzern und den niedersächsischen Bierkonsumenten Streitgespräche entstehen, wie wir sie von den homerischen Helden kennen...