Vor kurzem wurde berichtet, daß eine brasilianische Expedition von Botanikern in den Urwäldern am Rio Para mit Milliarden von Ameisen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen gehabt hat. Unter der Leitung des Botanikers Dr. Quinquerez hatte die Expedition in der Gegend des Rio Para, die erforscht werden sollte, ein Lager aufgeschlagen. Eines Tages wurden die Tragpferde, anscheinend ohne Grund, unruhig. Als die begleitenden Indios die Umgebung absuchten, stießen sie plötzlich schrille Alarmrufe aus: "Die Ameisen kommen!" Noch trennte ein Bach die Angreifer vom Lager. Bald war jedoch auch dieses Hindernis überwunden. Milliarden von schwarzroten Heeresameisen, Eaton hamatum, schoben sich heran. Sie fraßen sich durch alles hindurch und verursachten schmerzhafte Bißwunden. Wohl hätte man das Lager aufgeben können, doch dann wäre die Arbeit von Monaten der Vernichtung anheimgefallen. Das Inbrandsetzen der mitgeführten Vorräte an Benzin und Spiritus stoppte den Angriff für einige Zeit. Der Kopf des Ameisenheeres verharrte, dafür quollen aber die nachdrängenden Ameisenmassen von beiden Seiten heran. Als einzige Rettung blieb das Ausheben von Gräben. Doch bald waren sie von Ameisen ausgefüllt. Der Heereszug der Ameisen rollte weiter. Schließlich gelang es Farmern, die von den Indios alarmiert, zur Hilfe herbeigeeilt waren, mit größeren Benzinmengen das Heer zu vernichten. Es ist der Instinkt, der die Insekten zwingt, einen einmal eingeschlagenen Weg nicht aufzugeben, auch wenn er in den Tod führt. Der amerikanische Zoologe T. C. Schneiria hat den besonders starren Instinkt der Heeresameise erforscht.

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Selbstmord ist bei Tieren unglaubwürdig. Und doch zwingen die Heeresameise bestimmte Umstände, freiwillig in den Tod zu gehen. Bringt man eine Eciton an einen Teller, so läuft sie um diesen unentwegt herum. Nie würde sie aus ihrem Rundlauf abschweifen und Nebenwege gehen, wie das andere Ameisen tun. Die Eciton kreist und kreist, als ob sie unter dem Fluch eines Magiers stünde. Setzt man Artgenossen hinzu, tun sie das gleiche. Auch sie wagen nicht einmal, die durch nichts versperrte Freiheit zu suchen. Das ewige Kreisen geht so lange, bis die Tiere ermatten, verhungern, verenden.

Versagt hier der Instinkt, der die Tiere sonst immer das Richtige tun läßt? Jedenfalls ist er der ungewöhnlichen Situationen nicht gewachsen. Nicht nur künstlich, auch in der Natur kann das geschehen. In großen Armeen zieht die Heeresameise durch die Wälder des Amazonas, ruhelos und ohne Wohnsitz. Der Tag ist für den Raub da, und zur Nacht genügt ein flüchtiges Biwak an einem Ast. Da hängt dann eine brodelnde Masse aneinander festgehakter Tierleiber. Mit der Morgendämmerung rinnt der Tier häufen wieder auseinander, allerdings nur in der Wanderperiode, die 17 Tage dauert. In einer Ruheperiode, die 19 bis 20 Tage währt, wird die neue Generation geboren. Setzt die Wanderperiode von neuem ein, fallen die Ecitons in einem Strudel wieder zur Erde. Immer höher und höher türmen sich die herabfallenden Tiere, und der Druck im Inneren wächst ungeheuerlich. Wo sich der geringste Widerstand bietet, brechen schließlich die Tiere durch. Dort entsteht der Anfang des Heereszuges. Doch wer will die Führung übernehmen? Die gewalttätige. anonyme Masse stößt einfach irgendwelche Individuen an die Spitze ihres Heeres, widerstrebend und ängstlich übernehmen die ersten Tiere ihre Aufgabe. Das Sekret, das sie dabei ständig aussondern, ergibt die Duftspur, auf der ihnen die Massen sklavisch folgen, wie ihr Instinkt es ihnen befiehlt. Der Heereszug beginnt. Wohin der Zufall die bisweilen ängstlichen Pioniere auch treiben mag, die Duftspur zieht die Masse nach. Auf der einmal gezogenen Duftspur marschieren die Tiere dann weiter – und sei es in den Tod. Selten gelangen dabei die Tiere in der Natur in einen Circulus vitiosus, der in den Tod führen würde, wie der Versuch auf dem Teller zeigt. Hindernisse wie .Äste, Steine, Blätter verhindern es. Dagegen begünstigen zivilisierte Verhältnisse das Zustandekommen eines solchen Kreises. Nach einem Wolkenbruch entdeckte man eines Morgens auf einem Betonweg einen Kreis von etwa tausend Heeresameisen. Der Regen hatte die Duftspur ihrer Kolonne verwischt. Jetzt schienen sie wie durch Zauberei in einen rotierenden Kreis gebannt. Als die Temperatur mittags anstieg, nahm die Marschgeswindigkeit der Tiere zu. Die Fliehkraft steigerte sich, der Durchmesser des Kreises wuchs und wurde so groß wie eine Schallplatte. Nachmittags wurde aus dem Kreis eine Ellipse, und abends teilte sie sich in zwei kleinere Kreise, deren jeder für sich im entgegengesetzten Sinne des Uhrzeigers rotierte. Der Morgen bot einen Anblick des Grauens. Sterbende und Tote bildeten noch immer einen Kreis. Die Psychose hatte sie auf der Duftspur in den Tod getrieben, obwohl überall die Freiheit für sie offenstand. Sc