Am 28. Mai feierte der Estado Novo – das neue Portugal – seinen 25. Geburtstag. Dieser Estado Novo ist eine patriarchalische "Korporative Republik". Nie hat er – im Gegensatz zu anderen Diktaturen – den Anspruch erhoben, demokratisch zu sein. Nie hat er – im Gegensatz zu anderen Demokratien – Moral und Recht als solche verleugnet. Die vier Grundzüge seines Wesens heißen: national, ständisch, autoritär und katholisch.

Als im Jahre 1926 die Generale de Costa und Carmona durch einen Staatsstreich die Macht an sich rissen, da setzten sie zwar einen vorläufigen Schlußstrich unter die ersten sechzehn unruhigen Jahre der portugiesischen Republik mit ihren siebenundzwanzig Regierungen; die Ordnung wurde mit Hilfe der Bajonette wiederhergestellt. Aber damit waren die Militärs naturgemäß auch schon am Ende ihres Latein. Zwei Jahre später stand Portugal erneut vor dem Abgrund. Es stand vor der Alternative des Staatsbankrotts oder eines Völkerbundkuratels. In dieser Situation entsannen sich die verzagten Protagonisten auf der politischen Bühne Lissabons eines kleinen Mitspielers, eines Professors für Nationalökonomie an der berühmten Universität Coimbra, dem sie zu Beginn, als er Finanzminister war, den Laufpaß gegeben hatten, weil er zu große Vollmachten verlangte. In ihrer Ratlosigkeit riefen sie ihn, damit er die am stärksten "zerrütteten Finanzen der Welt" in Ordnungbringe. Der Sohn eines Landarbeiters, auf einem Priesterseminar erzogen, besann sich eine Weile. "Nicht Ihnen, meine Herren", sagte er endlich, "bringe ich dieses Opfer, sondern Portugal." Sprach’s, fuhr nach Lissabon und ließ sich bescheinigen, daß von Stund an keine Staatsausgabe mehr ohne seine Gegenzeichnung gemacht werden dürfe. Von jenem Tage an datiert de facto die Herrschaft von Antonio de Oliveira Salazar. 1932 trat er sie als Ministerpräsident auch de jure an.

Salazar ist eine jener seltsamen Gestalten, die in der Geschichte Portugals von Zeit zu Zeit auftauchten. Sie standen stets allein, und vereinigten in sich alle jene Tugenden und Kräfte, an denen es den Landsleuten ihrer Zeit mangelte. Salazar ist kühl, klug, puritanisch und fromm. Er verehrt Gott und die Zahlen. Er verachtet Massen, Mythen und Maßlosigkeit. Die Atmosphäre seines Staates ist eine merkwürdige Mischung von Klosterschule und staatswissenschaftlichem Laboratorium. Er kennt keine Rücksichten, aber auch keine Intrigen. Er hat weder seine Staatspartei, die "Nationale Union", noch die Armee oder eine wirtschaftliche Interessengruppe so stark werden lassen, daß sie ihm gefährlich werden könnten. Verfassungmäßig ist die entscheidende Macht in die Hände des Staatspräsidenten gelegt (der letzte Präsident, General Carmona, ist vor wenigen Wochen gestorben, und bisher wurde noch kein Nachfolger gewählt), aber in der Praxis gab es nie einen Zweifel an der staatlichen Allmacht dessen, den sie den "Mönch" nennen. Salazar hat nie um die Macht gekämpft; sie wurde ihm aufgedrängt. Er hängt auch nicht an der Macht; er hat nur noch keinen würdigen Nachfolger für seine Aufgabe gefunden. Die Macht beherrscht nicht ihn, sondern er beherrscht die Macht: Er ist der vollkommenste Autokrat Europas. "Die Diktatur", so formulierte er schon 1929, "hat es weniger als irgendeine andere Regierungform nötig, sich durch Täuschungsmanöver und Lüge am Ruder zu halten. Ja, die größere Leichtigkeit, mit der sie sich der Machtmittel bedienen kann, verlangt um so mehr eine absolute Aufrichtigkeit."

Im April 1889, im gleichen Monat, da Braunaus gescheiterter Sohn das Licht der Welt erblickte, wurde in dem portugiesischen Dorf Vimieiro Antonio de Oliveira Salazar geboren. 1933, im Jahr der Machtergreifung des Reichskanzlers Hitler, führte auch Ministerpräsident Salazar in Portugal eine neue, von ihm erdachte Verfassung ein. Doch außer der Ähnlichkeit der Daten verband die beiden nichts. Während der eine aufrüstete und eine Inflation heraufbeschwor, verdoppelte der andere die Handelsflotte seines Landes, verwandelte er den Escudo in eine dollarharte Währung. Während der eine im spanischen Bürgerkrieg seine Waffen ausprobierte und wenig später die Welt mit Krieg überzog, blieb der andere neutral, und sein Volk lebte in einer friedlosen Welt in Frieden.

Wenn heute die leise dozierende, etwas belegte Gelehrtenstimme aus Lissabon auf außenpolitische Probleme zu sprechen kommt, dann horchen die Diplomaten aller Länder auf. Denn diese Stimme pflegt vorwegzunehmen, was Monate, wenn nicht Jahre später, in den westlichen Demokratien als politische Schulweisheit gilt. 1942 nannte Salazar den Glauben an eine Verständigung mit den Sowjets "eine tiefe Verwirrung der Geister". 1947 war er der erste, der zweifelte, ob der Marshall-Plan allein seine Aufgabe zu erfüllen vermöge. Und 1950 antwortete er auf die Frage, ob es notwendigerweise zu einem Krieg zwischen Ost und West kommen müsse: "Nein! Ich glaube lediglich, daß in zwei oder drei Jahren ein Augenblick eintreten wird, in dem das Problem offen und korrekt am runden Tisch zur Diskussion kommt. Dann wird Rußland mit dem seiner Politik eigenem Realismus seine Gewinne, die bereits das in Jahrhunderten Erreichbare überschreiten, gegen die zu erwartenden Risiken aufrechnen. So sprach Antonio de Oliveiro Salazar, ein europäischer Staatsmann, vielleicht einer der letzten Beherrscher der "Kunst des Möglichen", wie man die Politik nannte, ehe sie Neurotikern, Militärs und Winkeladvokaten in die Finger fiel... C. J.