Streif lichter aus einem SRP-Prozeß

Von Jan Molitor

In Verden wurde der Führer und Zweite Vorsitzende der "Sozialistischen Reichspartei" wegen übler Nachrede gegen Mitglieder der Bundesregierung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Zwölf Stunden lang im gleichen Raum mit Remer zu sitzen, dem Manne, den Adolf Hitler mit einem einzigen Rudi vom Major zum General beförderte, das war recht anstrengend, aber auch recht lehrreich. Kaum hatte Reiner gegen ein halb zehn Uhr morgens auf dem Stuhl des Angeklagten im Gerichtssaal zu Verden an der Aller Platz genommen, als sein Verteidiger sich erhob. Er bat die Richter der II. Großen Strafkammer, es möchten nicht nur Name und Herkunft Remers zur Sprache kommen, sondern auch seine Orden. In diesem Augenblick mag – gleich dem Chronist – mancher im Gerichtssaal jener Orden gedacht haben, die er selbst im Krieg erwarb. Wir trugen die Orden, solange wir Soldaten waren. Dann waren die Orden zugleich mit dem Kriege erledigt. Reimer aber, der "Generalmajor", verlangte durch seinen Verteidiger, daß er sie nennen dürfe. Er hatte hohe Orden. Und lebt noch heute davon.

Mehr Kehle als Kopf

Remer sah bei alledem zunächst nicht unsympathisch aus. Ein schlanker Mann von fast vierzig Jahren. Dunkle Fanatikeraugen, niedrige Stirn, erausgetriebener Unterkiefer. Mehr Kehle als Kopf. Aber, wie gesagt, nicht unsympathisch auf den ersten Blick, Si tacuisset! Ach, wenn er doch geschwiegen hätte ...

Nachdem der vorbildlich korrekte Vorsitzende des Gerichts, Landgerichtsdirektor Dr. Parey, betont hatte, er wolle das politische Air vermeiden und allein den Tatbestand klären, marschierten den langen Vormittag und Nachmittag hindurch die Zeugen auf. Und der Anblick der meisten war interessanter noch als der des Angeklagten. Einer kam und lehnte sich in Predigerhaltung über den Zeugenstand: ein gewisser Dr. Krüger, Erz-Nazi einst, den Rosenberg einmal mit akademischem Titel zum Osten sandte. "Beruf?" – "Hochschullehrer", sagte Dr. Krüger, des Rosenbergschen Hochschul-Auftrages im Osten gedenkend. "Sie lehren – wo?" – "Ich bin stellungslos", erwiderte Dr. Krüger dem Gericht. Ein anderer Zeuge erschien gestiefelt und lederbehost, krähte und machte "Äh, äh" und fand "vollkomm’ richtig", was Reiner in seinen Versammlungen jeweils verkündet hatte, obwohl er danach nicht gefragt worden war. Ein Dritter kam mit wippendem Schritt, lächelte siegreich nach allen Seiten das "Uns-kann-keiner-Lächeln". Und es kam ein Vierter, der wie ein Wurzelmännchen aussah, verteidigte seinen Remer, und als er schwören mußte, zitterten ihm die Knie zum Erbarmen. Es kamen viele, die für Remer zeugten, und wenn sie vielleicht auch nicht mit Bewußtsein Meineide schwuren, so schwuren sie doch falsche Eide. Der Chronist dachte, es müsse bald ein Gerichtsdiener erscheinen, um mit einem metaphysisch begabten Besen die falschen Eide, die sich am Zeugenstand türmten, wegzukehren, damit die Luft im Gerichtssaal wieder rein werde.