Von Erika v. Merveldt

Norderney, im Mai

Auf den ostfriesischen Inseln von Borkum bis Wangerooge sind in wahrnehmbarer Zahl die ersten Feriengäste eingetroffen. Es sind dies die geborenen Reisenden, die die Einsamkeit, ja, Langeweile dem Zeitvertreib vorziehen, Fanatiker der See. (die anderen, die geselligen, kommen in Massen zur Hochsaison). – Auf dem Kopf die neuen buntgestrickten Mützen à la Nordseefischer, angetan mit funkelnagelneuen, aus Unwissenheit scharf gebügelten Manchesterhosen und allerlei merkwürdigen Tarnkleidungen, die den Alltagsmenschen unkenntlich machen sollen, geben sie sich betont ferienfreudig, kämpfen vornüber geneigt gegen die scharfe Brise und wagen bei zwölf Grad Wassertemperatur mit dem Geschrei vorsätzlicher Lebensfreude das erste Bad. Der Kellner in der Stadtschenke von Borkum allerdings rechnet vorläufig noch auf jeden Badegast fünf bis zehn reisende Vertreter von Firmen, die die Läden und Lager der Inseln auffüllen wollen für den erhofften Ansturm der Kurgäste.

Tatsächlich sieht man in den Städtchen Norderney und Borkum vor lauter Geschäften, Kiosken und Hotels zunächst die See nicht mehr. Diese beiden Orte, die vor dem ersten Weltkrieg hochberühmte Modebäder waren, verdanken der Erinnerung an diese Blütezeit noch heute ihren besonderen Charme. Norderney vollends, das von dem blinden König Georg V. von Hannover um 1850 entdeckt und gefördert wurde, erinnert immer noch an eine kleine schmucke Sommerresidenz mit schönen langgestreckten Bauten: Kurhaus, Logierhaus (heute das beste Hotel des niedersächsischen Staatsbades) und Basar (einst Quartier der königlichen Begleitung und heute ebenfalls Hotel). Und da bisher die Autos auf der Insel unerwünscht waren, verkehrt man hier noch gemütlich in bunt lackierten Pferdeomnibussen und Landauern.

Weil das Lebensgefühl früher nicht nach allzuviel Natur verlangte, sind die Häuseransammlungen und Anlagen hier sehr städtisch; genau wie in den zur selben Zeit Mode gewordenen Festlandsbädern von Bad Ems bis Bad Pyrmont. Man liebte Strandpromenaden und errichtete in Borkum sogar eine kilometerlange geschlossene, hygienisch gekachelte und mit Fliesen ausgelegte Wandelhalle. Inzwischen hat sich die – lang verschmähte – Natur von den Bädern entfernt. "Unter der Einwirkung der natürlichen Kräfte des Meeres", so heißt es kurz in den amtlichen Berichten, "wandern die ostfriesischen Inseln durch Abbruch am Westende und durch Anlandung am Ostende stetig nach Osten. In früheren Jahrhunderten sind die Bewohner der Inseln dem ständigen Abbruch durch Umsiedlung ausgewichen. So sind bis zum 19. Jahrhundert die Orte Juist, Baltrum und Wangerooge bis zu fünfmal verlegt worden." Auf die gleiche Weise ist den Städtchen Borkum und Norderney der Strand abhanden gekommen, denn trotz Dünenschutzmauern und Buhnen begann die Flut an der Strandpromenade zu nagen. Eigentlich müßte man die Orte einpacken und sie an den unermeßlich weiten, unberührten neuen Sandanschwemmungen im Osten wiederaufbauen. Aber das würde Milliarden kosten, man hat es ausgerechnet. Deshalb hilft man sich in Norderney, indem man Sand aus dem Meer an der Strandpromenade anspült und damit wieder einen Badestrand schafft; in Borkum, indem man neue Schutzmauern und Wellenbrecher weit in die See hinausbaut, die die Strömung ablenken und das Wegreißen des Strandes verhindern sollen. Auf beiden Inseln hat man Erfolg gehabt, und die Borkumer sagen, man kann sehen, wie der Sand wiederkommt.

Ähnlich wie die Modeschöpfer auf dem Festland schon über den Herbst nachgrübeln, während die ersten Sommermodelle am Strand und in den Bars und Hotels vorgezeigt werden, so haben auch die Kurdirektionen ihre Pläne für die Sommersaison schön fast vergessen und denken sich immer neue Pläne aus, die ganzjährige Hochsaison zu erreichen. Das Heilbad Borkum auf der Insel, die weit draußen im Meer liegt, preist sein Hochseeklima an und die beste Kurzeit für Katarrh und Asthma vom März bis Juni und September bis Oktober. Wattwanderungen, Meerwassertrinkkuren, Sandbäder werden von erfahrenen Badeärzten den Gästen empfohlen, die "kurgemäß leben und den Aufenthalt zum Wohle der Gesundheit nutzen wollen". Norderney rühmt als einzige Nordseeinsel nicht nur seinen großen Kurpark, sondern auch einen Laub- und Nadelwald, seinen Golfplatz, Tennisplätze und seine Kultur: Konzerte, Gemäldeausstellungen und Reunions. Und zu dem "neuerschlossenen" Ostbadestrand der "Weißen Düne", die ihren hellweißen Strand aus der Stadt entführt hat, wird ein regelmäßiger Autobusverkehr die Badegäste herüberbringen, bis eines Tages vielleicht doch die ganze Stadt nachkommt. Der erste Bau, eine Imbißhalle, ist hier schon errichtet...

Norderney hat zwar noch die Engländer, die einen bedeutenden Teil der Hotels und auch das Kurhaus für sich allein beanspruchen, es Hat aber auch einen umsichtigen Kurdirektor. Der zitiert bei der Werbung die Äußerungen berühmter Gäste, so Bismarcks Empfehlung von 1844: "Das Bad ist charmant. Nach oder vor dem Bad wird Kegel geschoben mit riesenhaften Kugeln, außerdem verteilt sich die Zeit auf Kaninchenschießen, Whist- und Pharaospielen, moquieren und hofieren mit den Damen ..." oder Wilhelm von Humboldts Lob: "Das süße Nichtstun bekommt weit besser. Das Gefühl der allgemeinen Belebung und Erfrischung, diese Freiheit des Kopfes und die Leichtigkeit in allen Gliedern, unmittelbar, wenn man aus der See kommt, habe ich vollkommen." Oder Heinrich Heines Satz mit dem er die Friesen schildert: "Ein Volk, das weder singen noch pfeifen kann, aber dennoch ein Talent besitzt, das besser ist als alle Triller und Schnurrpfeifereien, ich meine das Talent der Freiheit." Der Kurdirektor sinnt aber auch darüber nach, wie aus dem Glanz von einst und der Armut von heute eine neue Synthese und damit ein neuer Kurbäderstil gefunden werden kann, ein Stil, der uns, den Menschen von 1951, entspricht. Vielleicht, daß der Hinweis auf das Talent zur Freiheit, wie Heine es meinte, eine nützliche Richtschnur ist.