Von unserem Bonner Korrespondenten Robert Strobel

Bonn, Ende Mai

Die Reise Morrisons nach Bonn war nicht auf ein bestimmtes, kurzfristig realisierbares Verhandlungsziel gerichtet. Sie sollte der Information des neuen britischen Außenministers über die politischen Hauptprobleme Deutschlands und ferner der Herstellung eines persönlichen Kontakts mit den maßgebenden Vertretern der Regierungspolitik, der Opposition wie der Gewerkschaften dienen und eine höfliche Geste sein, die nach den vorausgegangenen Besuchen des amerikanischen und des französischen Außenministers zu erwarten war. Schon Bevin hatte diesen Besuch in Aussicht gestellt, konnte ihn aber dann wegen seiner schweren Krankheit nicht mehr ausführen. In Morrison kam ein unbefangenerer Beobachter nach Deutschland. Sein persönlicher Eindruck von den Repräsentanten der deutschen Politik scheint nach allem, was man darüber gehört hat, sehr günstig zu sein. Er hat sich nun auch persönlich davon überzeugt, daß die deutschen Partner verläßliche Anhänger der demokratischen Staatsform sind und ihr Land schicksalhaft mit der westlichen Welt verbunden wissen. Ein solches, sich auf persönliche Eindrücke stützendes Vertrauen gehört zu den Unwägbarkeiten, die bei politischen Entscheidungen oft von ausschlaggebender Bedeutung sein können. Und solche Entscheidungen, die in der Konzeption bereits vorbereitet sind, sollen ja in nicht zu ferner Zeit verwirklicht werden.

Der Bundeskanzler konnte das sehr ausführliche Gespräch auf alle ihm brennend erscheinenden Fragen lenken. Im Mittelpunkt stand die Integration Europas im weitesten Sinn. Der britische Gast zeigte sich besonders aufgeschlossen für die Bestrebung, eine wirtschaftliche Integration herbeizuführen. Zwar lehnt sein Land, weil es weltweite Bindungen hat und darum einer ausschließlichen europäischen Gemeinschaft nicht britische Souveränitätsrechte übertragen möchte, den Beitritt zum Schuman-Plan für sich nach wie vor ab. Hieran Heß Morrison keinen Zweifel. Doch hat Großbritannien offenbar seine anfängliche Skepsis der europäischen Montanunion gegenüber inzwischen überwunden. Und damit wird die Position des Kanzlers gestützt gegen die leidenschaftliche Kritik des Oppositionsführers, nach dessen Meinung der Schuman-Plan zu wenige Länder einbezieht. Man kann eben den Architekten dieses Planes billigerweise keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nicht auch die angrenzende Mauer des britischen Hauses aufgebrochen haben. Der englische Hauseigentümer wünscht dies nicht und ist bestenfalls bereit, einen Schwibbogen an das europäische Nachbarhaus anbringen zu lassen. Vielleicht war es dem Sozialisten Morrison möglich, manche Bedenken des Sozialdemokraten Schumacher zu zerstreuen, sei es in bezug auf den Schuman-Plan, sei es in Hinsicht auf andere internationale Fragen. Jedenfalls nahm die heikle innerpolitische Situation der Bundesrepublik, die durch den zugespitzten Gegensatz zwischen Regierung und Opposition entstanden ist, in den Bonner Gesprächen einen wichtigen Platz ein.

Auch der politische Extremismus, wie er. sich in Niedersachsen zeigt, wurde erörtert. Morrison wies auf die ärgerliche Wirkung solcher Erscheinungen im Ausland hin. Der Kanzler seinerseits ließ an dem Entschluß der Bundesregierung keinen Zweifel, den Gefahren einer Radikalisierung zu begegnen. Doch legte er auch seinem Gast, gestützt auf ein genaues Exposé, die tieferen sozialen Ursachen dieser Radikalisierung dar. Er schilderte das Problem der Vertriebenen und bezeichnete es als eine Aufgabe, die nach deutscher Auffassung nur auf internationaler Basis gelöst werden kann. Es bleibt zu hoffen, daß der britische Außenminister den gefährlichen Zusammenhang zwischen dieser drückenden Not und der auftauchenden Radikalisierung erkannt hat und daraus Konsequenzen zieht. Die Bundesregierung braucht rasche, weithin sichtbare Erfolge, nicht zuletzt auf wirtschaftlichem Gebiet. Wenn England von uns mit Recht einen finanziellen Sicherheitsbeitrag verlangt – Morrison scheint zunächst nur an diesen zu denken –, dann sollte es auch unser Recht auf die Respektierung unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht außer Betracht lassen.

Der ersten persönlichen Begegnung des Kanzlers mit dem englischen Außenminister wird bald eine zweite in London folgen. Die Schranken der jahrelangen Absperrung fallen, eine nach der anderen. Dafür ist die Einladung des Kanzlers nach London ein weiteres, von uns herzlich begrüßtes Zeichen.