Der Zufall", hat Goethe gesagt, "ist die einzige Manifestation Gottes." Ein Wort, dem heute nur noch wenige zustimmen werden, ja, das kaum noch verständlich scheint. Der Abendländer hat in der Zwischenzeit gelernt, vom Zufall gering zu denken. Nur wo er begreifen kann, daß ein Ereignis notwendig so eintreten mußte, wie es eintrat, kommt es ihm sinnvoll vor. Gelingt ihm das nicht, so registriert er das Ereignis als "bloßen Zufall" und setzt es auf die Verlustliste der Erkenntnis. Was zufällig geschieht, ist sinnlos, ein kleiner Versager im gesetzlichen Ablauf der Dinge, eine Regelwidrigkeit, die man in Kauf nehmen muß wie das Ausfallen einer Straßenbahn. Der ablesbare Plan ist das, was gilt; im stillschweigenden Vertrauen auf die Fahrplanmäßigkeit des Lebens hat der entgötterte Glaube einen letzten Zufluchtswinkel gefunden.

Dagegen wandte sich im voraus Goethes Protest: Nur mit dem, was in keine Regel aufgeht, nur mit dem "Zufälligen" kann es eine Bewandtnis haben, die über das Begreifliche hinausgeht. Ein Zufall führt zwei Menschen zusammen, stiftet Liebe zwischen ihnen. Im zufälligen Ereignis der ersten Begegnung offenbart sich dem Rückblickenden die sonst verborgene Absicht einer Macht, die sein Geschick lenkt.

"Es ist kein Zufall, daß..." – so pflegt man jetzt einen Satz einzuleiten, der mitteilt, daß zwei Begebenheiten in inniger Beziehung zueinander stehen. So sehr ist also der Zufall in Schande geraten, daß man meint, ihm zuvor einen Fußtritt geben zu müssen, wenn man von einer sinnvollen Verknüpfung berichtet. Was aber "kein Zufall" genannt wird, das gerade ist Zufall im Goetheschen Sinne – zum Beispiel auch dieses: daß das Wort Zufall in der heutigen Sprache so ganz um seine Ehre gekommen ist, ist ein Zufall, nämlich etwas Bedeutsames.

Der Aberglaube meint, Regeln für den Zufall zu wissen. Einem Schornsteinfeger zu begegnen oder im Zeichen des Steinbocks geboren zu werden – das sind für ihn Ereignisse, deren Regel ihm klar einleuchtet. In diesem Punkt ist er sich mit der modernen Wissenschaft einig: er läßt zwischen dem Beliebigen und dem Notwendigen keinen Raum, in dem sich Gott manifestieren könnte. Für beide, die Wissenschaft und den Aberglauben, ist alles "kein Zufall". C. E. L.