Von Georg Anschütz

Als im Jahre 1735 der französische Pater Castel sein vielerwähntes Farbenklavier baute, konnte man noch nicht an die Entstehung einer neuen Kunstgattung denken. Beim Niederdrücken der einzelnen Tasten erschien ein einfaches Farbblättchen nach einem System, das den damaligen Entdeckungen Newtons von den Spektralfarben entnommen war. Nach einer langen Reihe theoretischer Arbeiten behandelte 1909 der Physiker Max Planck das Problem in einer Abhandlung über die Einheit des physikalischen Weltbildes ebenfalls noch rein wissenschaftlich. Kurz darauf (1911) aber erfolgte ein erster künstlerischer Versuch von Alexander Skrjabine. Er schuf in seinem „Prometheus“ eine Symphonie aus bewegter Farbe und Musik. Ihm folgten andere.

Erst in den zwanziger Jahren wurde indessen der Gedanke einer Musikmalerei in verschiedenen Ländern lebendig. Teils gab man einfach die beim Anhören bestimmter Musikstücke auftauchenden „Visionen“ wieder, teils diente das akustisch Aufgenommene als Anregung für konstruktive Entwürfe mit meist abstrakter Farben- und Formgebung. Schon vor zwanzig Jahren veröffentlichte der damals in Berlin, seit 1938 in Brasilien wirkende Maler Professor Hob eine Mappe „Gemalte Musik“, die eine Sammlung solcher „Impressionen“ enthielt. Neuerlich hat dieser jetzt in der Schweiz lebende Künstler eine Anzahl von Werken geschaffen, die sämtlich auf musikalische Eindrücke zurückgehen und durch ihre stilistische Originalität überraschen.

Hinter diesen Versuchen sieht die Wissenschaft die bereits von Goethebehauptete „höhere Formel“, in der sich die Welt des Sichtbaren mit der des Gehörten verbindet. Daß es innere Zusammenhänge zwischen beiden gibt, weiß die Psychologie. Beide sind aber noch weit davon entfernt, wirkliche Gesetze aufzustellen oder gar vorschreiben zu wollen, wie das eine in das andere zu übertragen sei. Der Maler wird sich in seinem Schaffen ebensowenig darin bevormunden lassen, welchen sichtbaren Ausdruck er seinen inneren Erlebnissen beim Hören geben soll, wie man einem Komponisten die Art der Vertonung des Textes vorschreiben kann. Beide sind schöpferische Persönlichkeiten. Andererseits ist auch das wissenschaftliche Problem viel verwickelter, als es scheinen könnte.

Die Musikmalerei und die ihr meist zugrunde liegende Eigenschaft des „Farbenhörens“ gehören forscherisch in das Gebiet der Tiefenpsychologie. Es wird von einem „wachen Träumen“, von Eingebung, Vision oder Intuition gesprochen; oder es heißt, daß ein „Es“ in dem Schaffenden den Pinsel führt. In Fällen wie dem des bekannten Nürnberger „Trance-Malers“ Heinrich Nüßlein hat man auch von „medial“ gesprochen. Denn seine Bilder, die nicht nur nach Musik entstanden, erhielten Bezeichnungen wie „Marslandschaft“, und sie sollten sogar die Präexistenz einzelner Personen darstellen. Bei dem Musikmaler Hob, der im übrigen sehr real denkt, ist der Schaffensprozeß besonders interessant. Ihn überkommt plötzlich ein innerer Zwang. Er geht an die Leinwand, die Arbeit beginnt wie von selbst, und am Ende ist ein abstraktes Bild aus symbolhaften Farben und Formen entstanden. Es hat seine Wurzel in komplexen Erlebnissen und erhält Titel, wie „Adagio“, „Scherzo“, „Furioso“, „Ouvertüre“ oder auch „Mozart“, „Ravel“.

An dieser eigenartigen, in den Tiefenschichten der Seele ablaufenden Tätigkeit lassen sich wichtige Funktionen des unterbewußten Schaffens studieren. Zum kleinen Teil sind es tatsächliche Einzelheiten der gehörten Musik, die man im Bilde symbolhaft wiederfindet. Zum weitaus größeren aber handelt es sich um subjektive Ausdeutungen. Wir können das Ergebnis mit der Vertonung eines Gedichtes vergleichen. In beiden Fällen gestaltet der Künstler urpersönlich. Er verwendet nur diejenigen farblich-formalen oder akustisch-musikalischen Momente, die zu seinem inneren Schatz, zu seinen verfügbaren Ausdrucksmitteln, zu seiner Sprache und zu seinem Stil gehören. Aus dieser innerhalb bestimmter Grenzen doch wieder unendlichen Mannigfaltigkeit werden teils diejenigen Gestalten hervorgeholt, die am besten zum anregenden Reiz passen, teils aber solche, die gerade in Bereitschaft liegen und nach Kundgabe drängen. Es ist ganz ähnlich, wie bei unseren Träumen. Hier wie dort mischt sich Sinnvolles mit Sinnlosem, Hochwertiges mit Minderwertigem, Erkenntnis mit Irrtum.

Können also die spontanen Werke der Musikmalerei nicht überall als wertvolle Einfälle gelten, so sind sie doch höchst lehrreich. Die Werke neuerer Kunst sind nicht zu Unrecht umstritten. Oft stehen wir vor einem Bilde und können mit ihm nichts anfangen. Da gibt es dann zwei Möglichkeiten: Entweder ist das Werk wertlos, vielleicht sogar pathologisch. Man hat auf Verwandtschaft mit der Bücherei bei Geisteskranken hingewiesen. Oder es handelt sich um eine neue Sprache, um bisher unbekannte und ungewohnte Ausdrucksformen. Die Malerei kann ja nicht für alle Zeiten die Wege gehen, die ihr Tradition und Gewohnheit vorschreiben. Wir müssen verstehen, wenn sie sich einmal vom Alten befreit und eine abstrakte Sprache sucht, die die Musik schon lange gefunden hat. Vielleicht liegt in mancher modernen Richtung ähnlich wie in der Musikmalerei ein Niederschlag innerster Erlebnisse des „Es“. Wir müssen sie zu verstehen suchen, anstatt sie einfach abzulehnen.