Von Paul Bourdin

Plötzlich ist es da, und niemand weiß, woher es gekommen ist, das Gerücht nämlich, der Krieg in Korea stehe unmittelbar vor seinem Ende. Ein Gerücht "taucht auf", lautet der Sprachgebrauch. Mit dieser Redensart wird sowohl die Plötzlichkeit seiner Entstehung wie die Ungewißheit seiner Herkunft gekennzeichnet, Es taucht auf aus einem Meer voller Geheimnisse, die unsere Neugier ermutigen. Versuchen wir, das Meer zu ergründen, um hinter das Geheimnis zu kommen!

Gegen. Schluß seiner siebentägigen "Vernehmung" durch die Senatsausschüsse wird Marshall gefragt, wie er sich die Beendigung der militärischen Operationen in Korea vorstelle. Der Verteidigungsminister antwortet: "Wir befinden uns in einer Lage, in der sich nach Auffassung der Generalstabschefs im Augenblick keine Prozedur nach dem Muster der herkömmlichen militärischen Operationen ergibt. Was wir tun können, um das zu ändern, wird ständig in Erwägung gezogen." Marshall betont, daß dabei die von MacArthur vorgeschlagene Prozedur der Ausdehnung der Operationen nicht in Betracht gezogen werde, und fährt fort: "Ich gewinne wachsende Zuversicht in die Möglichkeit einer befriedigenden Beendigung. Ob es ein militärischer Sieg sein wird oder nicht, das hängt davon ab, wie Sie es nennen. Meiner Meinung nach wird es eine siegreiche Demonstration unserer militärischen Macht angesichts der Zahl der eingesetzten Soldaten sein."

Was ist unter einer nicht herkömmlichen Operation zu verstehen, die trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit zwar nicht den Sieg im klassischen Sinne, an den die Amerikaner gewöhnt sind, nämlich die bedingungslose Kapitulation, aber doch den Beweis ihrer militärischen Überlegenheit und damit ein befriedigendes Ende des Krieges bringen soll? Das Rätselraten beginnt, Zumal da in dem veröffentlichten Protokoll mehrere Zeilen aus der Erklärung Marschalls von der Zensur gestrichen sind. Das Geheimnis liegt in diesen gestrichenen Zeilen. Aber kann Geheimnis bleiben, was sechsundneunzig Senatoren wissen? Der republikanische Senator Flanders freilich, von dessen Frage bedrängt der sonst so vorsichtige Verteidigungsminister die zuversichtliche Auskunft erteilt hat, verkündet nach der Sitzung lediglich: "Es scheint etwas Wichtiges in der Luft zu liegen." Andere Senatoren müssen mehr gesagt haben. Denn der Vorsitzende der Senatsausschüsse hält es vor Beginn der nächsten Sitzung für notwendig, die Senatoren zur Verschwiegenheit zu ermahnen, da in mehreren Zeitungen Angaben erschienen seien, die nicht in dem veröffentlichten Protokoll gestanden hätten. In welchen Zeitungen? Was für Angaben? Und sind sie richtig?

Jedenfalls zweifelt bald niemand mehr daran, daß Marshall mit der "nicht herkömmlichen Prozedur" nur den Einsatz neuer Waffen gemeint haben kann, die den UNO-Truppen eine überlegene Feuerkraft geben. Hatte nicht auch der Oberkommandierende der VIII. Armee, General Van Fleet, kurz vor der Offensive der Kommunisten gesagt, wenn sie wüßten, was sie erwartet, würden sie schleunigst heimkehren! Auch General Bryand, der Befehlshaber der 24. Division hatte von "einer gewissen Anzahl ganz neuer Waffen" gesprochen, "die gegen Angriffe von Massen ganz besonders mörderisch sind". Seitdem ist von einem leichten Karabiner mit 750 Schuß in der Minute die Rede, von einem elektrisch aus dem Hinterhalt bedienten 60-mm-Maschinengewehr mit bisher unerreichter, während zehn Standen ununterbrochener Feuergeschwindigkeit, einem neuen leichten Tank von 65 km Durchschnittsgeschwindigkeit mit einer 76-mm-Kanone und einer besonderen Visiervorrichtung für unebenes Gelände, von einem Riesenhubschrauber, der bis zu drei Tonnen befördert und die im koreanischen Frühjahrsschlamm steckenbleibenden Lastwagen ersetzen soll.

Marshall hat aber angeblich auch auf Atomwaffen angespielt, was natürlich von der Zensur aus dem Protokoll gestrichen worden ist. Just in diesen Tagen kehrt der republikanische Senator Jackson von dem Atoll Eniwetok zurück, wo er den neuesten Atom-Experimenten beigewohnt hat, und erzählt, man könne jetzt mit Atomgranaten schießen, ohne daß eine lang andauernde Radioaktivität zurückbleibe, so daß die Trappe kurz darauf in das beschossene Gelände vorrücken könne. Ganz neue Perspektiven für eine offensive Atom-Artillerie eröffnen sich. Wie eine Bestätigung wirkt die Nachricht von der Ernennung eines Atom-Experten, des Konteradmirals Ofjtie, zum Stabschef der Streitkräfte in den koreanischen Gewässern. Und nach Flanders erklärt nun auch der Senator Kefauver, er habe "das deutliche Gefühl, daß die alliierten militärischen Führer einen Plan haben, der es gestattet, der Zukunft mit Optimismus entgegenzusehen." Beide Senatoren gelten als ernsthafte Männer.

Worin besteht dieser Plan? Im Lichte dieser oder jener Äußerungen eines Generals oder eines Senators gewinnen nachträglich die sibyllinischen Ausführungen Marshalls vor dem Senatsausschuß einen eindeutigen Sinn: "Wenn der ausgebildete Kern der chinesischen Armeen vernichtet ist", hat er gesagt, "sehe ich nicht ein, warum wir zögern sollten, zu versuchen, dem, was man unnützes Blutvergießen zu nennen pflegt, ein Ende zu machen." Der Verteidigungsminister hat genaue Angaben über die bisherigen Verluste der Kommunisten gemacht, die von der Zensur aus dem Protokoll gestrichen worden sind. Aber der demokratische Senator Sparkman berichtet nach der Sitzung, gewisse Mitglieder des Untersuchungsausschusses seien so beeindruckt gewesen, daß sie überzeugt seien, die Kommunisten müßten bald um Frieden nachsuchen. Also noch eine "Operation Hekatombe", diesmal vielleicht mit neuen Waffen, und dann Verhandlungen. Da treffen zum erstenmal aus Korea Nachrichten von massenhaften Desertionen aus den Reihen der Kommunisten ein. Ein Drittel der Gefangenen stellt sich freiwillig den UNO-Streitkräften, unter ihnen Offiziere, deren Aussagen Enttäuschung und Entmutigung widerspiegeln. Frauenformationen würden eingesetzt, und die kommunistischen Offiziere seien jetzt stärker darauf bedacht, das Leben ihrer Soldaten zu schonen.