Von Hubertus Prinz zu Löwenstein

Ohne ausreichende Wohnungen, ohne Maschinen und Geräte zur Bestellung ihrer Felder, ohne Krankenhäuser, ohne Sportplätze und oftmals ohne Wasser und Licht leben die Bauern und Arbeiter in Calabrien. Dieses herrlich schöne Land für den Fremden war bisher manchem Einheimischen eine Stätte des Dahinlebens ohne Hoffnung. Seit drei Jahren arbeitet die italienische Regierung an einer Lösung der sozialen Probleme im "Slum- Viertel" Europas. Und während sie sich bemüht und einen neuen Agrarplan aufgestellt hat, fischen kommunistische Agenten im trüben ... Hubertus Prinz zu Löwenstein, der im Auftrage der "Zeit" Calabrien besuchte, berichtet von der kommunistischen Wühlarbeit und den Gegenmaßnahmen der italienischen Regierung.

Die Familien in Calabrien sind sehr kinderreich. Sechs bis sieben Kinder sind keine Seltenheit. Bei einem zehn- bis zwölfstündigen Arbeitstag verdient ein Arbeiter dreihundert bis fünfhundert Lire; ein Arbeitsloser, soweit er überhaupt noch Anspruch auf Unterstützung hat, bekommt zweihundertfünfzig Lire. Da ein großer Teil der Arbeit saisonbedingt ist, kann man höchstens mit zweihundert vollen Arbeitstagen rechnen. Beim vollen Lohn von fünfhundert Lire am Tag ergibt dies hunderttausend Lire im Jahr, also etwas über achttausend im Monat. Das Existenzminimum für eine auch nur vierköpfige Familie beträgt aber vierzigtausend Lire. Wovon leben also die Menschen?

Man denkt an eine Begebenheit, die sich bei der Wahl Papst Leo XIII. abgespielt haben soll. Als er zum ersten Male den Apostolischen Segen geben sollte und sich plötzlich der ungeheueren Menschenmassen auf dem Petersplatz bewußt wurde, flüsterte er erschrocken zu einem der Kardinäle: "Wovon leben diese Menschen?"

"Sie betrügen einander, Heiliger Vater", kam die Antwort. Aber das setzt doch zum mindesten voraus, daß der andere etwas hat, worum man ihn betrügen kann!

Antikommunistische Gewerkschaftsführer erklären mir, daß der tarifmäßige Tageslohn von fünfhundert Lire keineswegs immer voll ausgezahlt wird. Löhne von dreihundert Lire sind nicht selten. Der Arbeitnehmer, vor allem auf dem Lande, wagt nicht dagegen zu protestieren, sonst verliert er auch noch die dreihundert Lire. Entschließt er sich aber zu klagen, dann muß er zu den überlasteten ordentlichen Gerichten gehen. Eine Arbeitsgerichtsbarkeit wie in Deutschland gibt es noch nicht.

Städte ohne Friedhöfe