Eine Bestandsaufnahme und eine Anregung

Von Alex Natan

Der deutsche Kunstfreund ist heute gut über englische Literatur, Musik und Malerei informiert. T. S. Eliot, J. B. Priestley, T. Rattigan und Chr. Fry sind alle auf deutschen Bühnen zu Worte gekommen. Die Programme deutscher Konzerte und Opernhäuser enthalten die Werke von Elgar, Delius und Holst, von Britten, Vaughan, Williams und Arnold Bax. Die Ausstellungen des ‚Art Coucil‘ haben die Werke moderner englischer Maler und Bildhauer in Deutschland gegezeigt.

Umgekehrt ist aber die neuere deutsche Kunst so gut wie unbekannt in Großbritannien. Diese Tatsache verdient eine genauere Analyse, da von der künstlerischen Produktion Frankreichs und Italiens im Inselreich keineswegs dasselbe gilt.

Eine der führenden Londoner Galerien, die Kunsthandlung von Roland, Delbanco und Browse, hat im vergangenen Jahr die ersten Bilder von Lovis Corinth in England gezeigt. Sie brachten eine kleine Sensation, die die Kunsthandlung ermutigt hat, vor wenigen Wochen zwischen Meistern der ‚Fauves’ zwei Schmidt-Rottluffs und einen Franz Marc auszustellen, die in der Presse lebhaft kommentiert wurden. Nun hat diese Kunsthandlung Mut gefaßt und hofft, im nächsten Jahr eine Nolde-Ausstellung vorzubereiten. Sonst ist die moderne deutsche Malerei nur aus wenigen Büchern bekannt sowie aus den vorzüglichen Drucken der Medicipresse. Kokoschka, der doch englischer Staatsbürger geworden ist, hat niemals eine Ausstellung in England veranstalten können. (Die Gründe liegen allerdings hier teilweise in dem bizarren Charakter, des Malers.)

Auf dem Gebiet der Literatur liegen die Dinge wenig besser, wenn sich auch hier ein Lüftchen zu regen beginnt. Obwohl sich viele Londoner Verleger das Copyright deutscher Autoren gesichert hatten, sind doch nur sporadische Versuche gemacht worden, deutsche Neuerscheinungen nach dem Kriege in englischer Übersetzung herauszubringen. Unter den übersetzten Werken befinden sich: Hermann Hesses ‚Glasperlenspiel‘, Kreuders ‚Dachbodengesellschaft‘, Jüngers ‚Marmorklippen‘, Wiecherts ‚Missa Sine Nomine‘ und jüngstens ein Roman von Albrecht Goes. Diese Versuche waren geschäftlich zumeist Fehlschläge und haben den Verlegern die größte Vorsicht auferlegt.

Woher die Abneigung?