Er war gegen zwei Uhr weggegangen. Als er aus dem Amt kam, hatte er zu Hause schnell gegessen, und dann war er losgegangen. Hinter der Brücke bog er von der Hauptstraße ab und ging den Fußpfad am Fluß entlang. Im Graham Wegrand blühten Schlüsselblumen, die Weiden am Ufer trugen Knospen, aber das Wasser war dunkelgrün und wirkte kalt. Es war ein Samstagnachmittag, zuerst begegneten ihm noch einige Leute. Später, als der Fluß eine Biegung gemacht hatte und die Stadt verschwand, ging er allein.

Merkwürdig, daß er niemals wieder diesen Weg gegangen war, seit er aus dem Krieg zurückkehrte. Er rechnete an den Fingern der Hände: sieben, acht, nein neun Jahre war es her. Damals ging er mit Beate diesen Weg; er hatte Urlaub gehabt, und es war Frühling gewesen. Sie gingen bis zu Krones Gasthaus, etwa eine Stunde von der Stadt. Dort bekamen sie trockenen Streuselkuchen ohne Brotmarken, weil Beate um einige Ecken herum mit Frau Krone verwandt war. Vier Wochen lang waren sie fast jeden Nachmittag diesen Weg gegangen, außer natürlich, wenn es regnete. Und niemals hatte er sie gefragt. Aber am vorletzten Tag waren sie gegangen, obwohl es regnete. Er hatte darauf gedrungen, weil er sie doch endlich fragen wollte. Sie hatte an diesem Tag einen grauen Regenmantel mit einer Kapuze an. Sie standen sich auf dem Pfad gegenüber. Er war stehengeblieben, weil er glaubte, es würde sich im Stehen leichter fragen. Er fragte sie also: „Beate, könnten Sie sich vorstellen, daß Sie...“ Sie hatte geantwortet: „Ich kann’s mir vorstellen.“

Damals waren sie sehr glücklich gewesen. Sie hatte ihn zwei Tage später an den Fronturlauberzug gebracht. Für den Zug wurde Verspätung gemeldet; erst zwanzig Minuten, dann dreißig, dann eine, schließlich zwei Stunden. „Paß auf, er kommt nie“, hatte sie gesagt. Aber dann kam er doch.

Nach dem Krieg war das alles anders geworden. Nicht, daß sie sich jetzt nicht mehr vertragen hätten, aber sie waren nicht mehr glücklich. Das konnte natürlich daran liegen, daß er nicht das geworden war, was sie von ihm erwartete: er war Inspektor am Gericht geworden, und sie hielt nicht viel davon, obwohl sie es nie sagte.

„Zu dumm“, dachte er, „daß ich nie mehr mit ihr diesen Weg gegangen bin seit damals. Und heute gehe ich ihn nun allein, weil sie zu ihrer Mutter gefahren ist und erst morgen wiederkommt, und weil mir zu Hause langweilig war.“

Der Pfad wurde etwas breiter, er lief in einen Feldweg mit tiefen Karrenspuren ein. In den Karrenspuren stand noch das Wasser des letzten Regens; die Wolken spiegelten sich darin. Vom sah er Krones Wirtshaus. Er ging hinein, schritt durch das leere Gastzimmer in die Veranda, von wo man den Fluß übersehen konnte und wo er damals mit Beate gesessen hatte. Frau Krone erschien. „Guten Tag!“ sagte sie, gar nicht so erfreut wie eine Wirtin, wenn sie nach Jahren einen alten Stammgast wiedersieht. Sie gab ihm die Hand. Er stutzte einen Augenblick über ihre unfreundliche Begrüßung, aber dann dachte er, daß sie immer eine mürrische Frau gewesen war. „Geben Sie mir ein Stück Streuselkuchen und eine Tasse Kaffee“, sagte er.

„Wir haben keinen Streuselkuchen mehr“, erklärte die Wirtin. „Nun“, erwiderte er unwirsch, „Sie werden doch irgendeinen Kuchen haben.“ Er sah sie an, aber sie blieb stehen. Sie schaute zuerst ihn an und dann in die andere Ecke der Veranda. Erst jetzt bemerkte er, daß er nicht der einzige Gast war. In der anderen Ecke saß ein Mann in seinem Alter. Er kannte ihn: es war ein Kaufmann namens Kersten. Er hatte auch im Winter eine bräunlich-gelbe Hautfarbe; im Krieg war er zu Hause geblieben, man erzählte sich, er habe Zucker.