Die vor allem in nicht-landwirtschaftlichen Kreisen weitverbreitete Meinung, daß die deutsche Landwirtschaft ganz allgemein rückständig sei, beruht zweifellos auf einem Irrtum. Wir haben in Deutschland sehr viele fortschrittliche Betriebe, die in ihrer technischen Einrichtung, ihrer betriebswirtschaftlichen Organisation und ihrer Marktleistung vorbildlich sind. Dazu gehören nicht nur Großbetriebe, sondern auch viele mittel- und kleinbäuerliche Wirtschaften.

Wenn wir trotzdem versuchen, die ausländischen Erfahrungen für uns nutzbar zu machen, so ist das vor allem deswegen notwendig, weil in den USA, in Kanada, in England, Dänemark und Schweden in den letzten 15 bis 20 Jahren auf landwirtschaftlichem Gebiet Fortschritte erzielt worden sind, von denen wir in vollem Umfang erst mehrere Jahre nach dem Kriege Näheres erfahren konnten; Als im November 1947 die Esso AG. an mich die Frage richten ließ, ob ich es für möglich hielte, auf bisher ackerbaulich nicht genutzten Heide- oder Moorländereien mit aus Amerika importierten Maschinen und Geräten einen landwirtschaftlichen Betrieb einzurichten, war ich zunächst recht skeptisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß unsere damals noch völlig in den Begriffen der Zwangswirtschaft befangenen Bürokraten es einer Gesellschaft erlauben würden, die Erzeugnisse eines solchen Betriebes für ihre Werksküchen frei zu verwenden. Diese Initiative fand aber Unterstützung bei dem damaligen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Block und seinen Mitarbeitern. Unsere führenden Landtechniker, vor allem. Prof. Dencker und Prof. Meyer in Völkenrode, sowie das Kuratorium für Technik in der Landwirtschaft, besonders dessen Vorsitzender Wesselhöft-Hamburg, hatten großes Interesse für unser Vorhaben.

Wir stellten eine Liste derjenigen amerikanischen Maschinen und Geräte zusammen, die uns besonders interessant zu sein schienen und berichtigten diese Liste, nachdem Prof. Dencker auf seiner ersten Nachkriegsreise in die USA die Fortschritte der amerikanischen Landtechnik selbst in Augenschein genommen hatte. Am 1. April 1948 wurde der Hof des Bauern Emmann in Dethlingen bei Munster (Lager) in der Lüneburger Heide gepachtet, der damals eine landwirtschaftliche Nutzfläche von ca. 50 ha hatte. Zum Pachtobjekt gehörten außerdem ca. 100 ha kulturfähige Heidefläche, die bis dahin nur als Heidschnuckenweide benutzt wurde. Der Hof Emmann war durch Kriegseinwirkung stark zerstört worden, so daß beschlossen wurde, einen neuen Hof zu bauen.

Während in Deutschland die Leistung je Flächeneinheit im Vordergrund stand, mußte in anderen Ländern, besonders in den USA, die Leistung je menschliche Arbeitskraft mehr beachtet werden. Der amerikanische, aber auch der englische und schwedische Landwirt mußte mit weniger Arbeitskräften auskommen und diese Arbeitskräfte höher entlohnen, als es bei uns der Fall war. Diese Lage zwang ihn immer mehr, Arbeitsvorgänge zu mechanisieren, die Handarbeit durch Maschinen zu erleichtern und die Betriebsorganisation einfacher zu gestalten. Bei uns dürfte die Entwicklung zwar langsamer, aber ebenfalls in derselben Richtung verlaufen. Industrieähnliche Löhne, gute Wohnung und ein eigenes oder durch langfristige Arbeitsverträge gesichertes Land für den Landarbeiter sind Forderungen auch unserer fortschrittlichen Land wirte geworden. Auf dem Essohof ist von Anfang an die Erreichung dieser Ziele als erster Programmpunkt angestrebt worden. Das Ziel ist eine kleine, hochqualifizierte, gut bezahlte und zufriedene Belegschaft, die am Wohle des Betriebes interessiert ist und echte Mitarbeit leistet.

Viele unserer jahrhundertealten Höfe lassen sich nur schwer rationalisieren, da die Gebäude dem heutigen Stand der Technik nicht mehr entsprechen und oft in der beengten Dorflage kein zweckmäßiger Umbau möglich ist. Den meisten Landwirten fehlt es an Kapital, um nach alten Baumethoden neue Gebäude zu errichten. In dieser Hinsicht können wir im Ausland vieles lernen, denn dort sind, und zwar ganz besonders in den USA, im landwirtschaftlichen Bauwesen ganz neue, fortschrittliche und sparsamere Methoden zur Anwendung gekommen. Dethlingen trägt diesen ausländischen Erfahrungen Rechnung. Es wurde versucht, in der Zuordnung der Gebäude zueinander arbeitswirtschaftlich günstigere Lösungen zu finden und billiger zu bauen, als es bisher üblich war. Auch bei der Inneneinrichtung der Ställe sind neueste deutsche und ausländische Erfahrungen verwertet worden, wie dänische Aufstallung im Schweinestall, zwei verschiedene Methoden der Aufstallung im Kuhstall und mechanische Vorrichtung zur Ausmistung der Ställe.

Die grundlegenden Untersuchungen von Prof. Dencker über die Arbeitsketten im landwirtschaftlichen Betrieb und deren mögliche Verkürzung und Vereinfachung waren bei der Anschaffung der Maschinen und Geräte maßgebend. Nicht nur die ursprünglich angeschafften amerikanischen Maschinen und Geräte, sondern auch viele Spitzenerzeugnisse der deutschen Landmaschinen-Industrie, die die ausländischen Leistungen bereits eingeholt und überholt haben, finden Anwendung. – Ferner soll in Dethlingen nachgewiesen werden, daß es möglich ist, große Flächen der bisher praktisch brachliegenden Heide schnell zu kultivieren und auf diesen Flächen hohe Ernteerträge zu erzielen. Die Methoden unserer Bodengesundheitspflege, des deutschen Zweischichtenpfluges und einer sorgfältigen Humuswirtschaft werden angewendet. Die Erträge der ersten Erntejahre 1949 und 1950 (durchschnittliche Kartoffelernte 1950 etwa 180 dz je ha) waren höher, als wir es auf Grund der Bodenqualität erwarten konnten.

Auf vielen Betrieben sind die alten Grünlandflächen (Wiesen und Weiden) nicht mehr die Hauptlieferanten des eiweißreichen Futters. Besonders in Gegenden mit leichtem Boden, der keinen Rotklee und keine Luzerne trägt, ist es wichtig, Futterpflanzen zu finden, die auf dem Acker gebaut, höchstmögliche Nährstofferträge bringen. Dieses Ziel wird auch in Dethlingen angestrebt. Es sollen, in Zusammenarbeit mit dem Grünlandinstitut der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt in Völkenrode (Prof. Könekamp) außer der altbewährten Seradella und der Süßlupine weitere Futterpflanzen gefunden werden, die auf leichten Sandböden hohe Erträge bringen.