Von B. Mattheus

In Westdeutschland ergibt sich in zunehmendem Maße ein Kampf der Meinungen um die Frage, ob privater Initiative oder zentrale Lenkung die erfolgversprechenden Wirtschaftsfaktoren und ob die Einzelpersönlichkeiten noch in der Lage sind, gesunde Synthesen zwischen den privatwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Belangen zu finden. Fast scheint es, als wäre die politische Bedeutung dieser Frage reichlich spät und auch heute noch nicht in genügendem Maße erkannt.

Währenddessen hat in Schleswig-Holstein der Bauer in aller Stille, aber mit größtem Nachdruck den Beweis erbracht, daß er auf seinem ureigenen Gebiet, nämlich dem der Erzeugung, selbst Meister sein will und sein kann – unabhängig von Zentraler Führungsnotwendigkeit und zentrale. Führungswillen. Er schuf sich mit seinen zahlreichen kleinen Beratungsringen ein bedeutendes Instrument der Selbsthilfe auf privatwirtschaftlicher Grundlage,

Ausgehend von der Erkenntnis, daß die Erzeugung des geistigen Hungers für alle Privatwirtschaften die Voraussetzung für den Fortschritt ist, schlossen die örtlichen Führerpersönlichkeiten sich mit ihren aufbauwilligen Nachbarn zu kleinen Gemeinschaften zusammen. Mit Hilfe eigener besonders geschulter Berater vergleichen sie ständig auf jedem Gebiete die unterschiedlichen Wirtschaftsformen der einzelnen Mitglieder und deren Erfolg, so daß alle Bauern die Erfahrungen der Tüchtigsten übernehmen können, und sich überall die oft örtlich bedingten besten Methoden immer klarer herausschälen. Die Ringe wurden in hohem Maße die Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis. die ziehen ständig die wissenschaftlichen Kräfte der Hoch- und Landwirtschaftsschulen sowie Spezialisten zu ihrer „geistigen Befruchtung“ heran.

Die Bedeutung dieser Ringbewegung liegt in dem starken, in den Dörfern geborenen Willen, selbst Träger des Fortschritts zu sein, und dadurch der bäuerlichen Arbeit einen lebendigen geistigen Inhalt zu geben, der besonders der heranwachsenden Generation ihren Stempel aufdrückt. Die Stärkung des rein persönlichen Verantwortungswillens, die so bitter not tut, ist ihr tiefer ethischer Sinn: Verantwortungspflicht gegenüber dem Hofe und der Volkswirtschaft.

Im Wirrwarr der politischen Entscheidungen ist es für den einzelnen Bauern eine schwere Aufgabe, die privaten und volkswirtschaftlichen Belange auf einen Nenner zu bringen. So, wie die dänische Landwirtschaft unter dem jahrzehntelangen Druck des Freihandels in der Intensivierung, Rationalisierung und äußersten Leistungssteigerung das Mittel zur Erhaltung der eigenen Scholle fand und dadurch auch in der Zeit der Industrialisierung die wichtigste Grundlage für den Wohlstand des Volkes blieb, so zeichnet sich auch hier in der breiten Praxis – man möchte sagen, unter dem Druck der in der Ringarbeit gewonnenen Erfahrungen, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen – dasselbe klare Ziel ab: wir müssen der Scholle das Äußerste abgewinnen. Eine Verdoppelung der Erzeugungsleistung, vornehmlich mit Hilfe von vermehrtem Hackfruchtanbau, und durch Einsparung von Futterflächen dank deren zweckmäßigerer Nutzung, ist keine Seltenheit.

Schleswig-Holstein hat für deutsche Verhältnisse hohe Erzeugungsleistungen. Die beginnende Großraum Wirtschaft aber treibt trotzdem zur Eile. Zur Intensivierung gehört die Technisierung, und zur Technisierung gehört Kapital. Die Kapitalbildung aber verfällt der Steuer. Knappe Zeit und knappes Kapital: das sind die schwerwiegenden Hindernisse für die Intensivierung. Die zunehmende Illiquidität beweist, daß die Möglichkeiten begrenzt sind. Der privaten Initiative in den Ringen ist dadurch eine besonders schwierige Aufgabe erwachsen, und das ist das Abwägen und Abtasten der realen Möglichkeiten, die zwischen dem volkswirtschaftlichen Wunschideal zu stärkster Intensivierung und den privatwirtschaftlichen Hemmungen durch Kapitalnot liegen. Aber auch hier beweist sich täglich der Wille, trotz aller Hemmnisse das äußerst Mögliche zu leisten. Die Möglichkeit dazu ist bewiesen.