Die Bayreuther Festspiele, die ersten nach dem Jahre Tausend, sind bereits für alle Vorstellungen ausverkauft. Nach den mehrerlei Wandlungen, denen der Begriff „Bayreuth“ bisher unterworfen war, darf man gespannt darauf sein, in welche Realität er diesmal übersetzt sein wird. Die erste Wandlung nahm schon Richard Wagner selbst vor, als er bei der Umsetzung in die Tat aus dem Festspielgedanken die früher vorgesehenen Musteraufführungen auch anderer würdiger neuer Werke neben seinen eigenen eliminierte. Unter Cosima wurde dann die „Tradition“ konserviert. Spät nach dem ersten Weltkrieg mußte Siegfried Wagner schwer um die materielle Sicherung der Festspiele kämpfen, und mehr als je zuvor wurde Bayreuth ein Treffpunkt internationaler Kulturtouristen, die womöglich schon von Oberammergau kamen und hinterher nach Salzburg weiterreisten. In die Personalpolitik schlich sich ein neues Motiv ein: nicht ohne Grund raunte man, vor allem die Dirigenten würden nach Maßgabe ihrer Verdienste um Siegfried Wagners Opern nach Bayreuth gezogen. Aber während in früheren Zeiten Bayreuth seine Interpreten legitimierte, verlangte das neue Publikum, daß Bayreuth durch Stars legitimiert werde, auch „am Pult“ im versenkten Orchester. Allein es ging nicht recht gut mit der Starkonkurrenz. Der größte Idealist unter ihnen räumte das Feld mit bitteren Nachrufen auf das „ganz gewöhnliche Theater“, das er statt der erträumten Weihestätte der Kunst angetroffen habe.

Unter der Ära Winifred und dank der Entdeckung Wagners durch den „Führer“ wurde Bayreuth nun wirklich ein „ganz gewöhnlicher“ KdF-Rummel, wenn auch Heinz Tietjen für den künstlerischen Hochstand garantierte. Immerhin war dieser hektische Betrieb mit hochpolitischem Akzent, mit der lamettaglänzenden Versammlung der Parteiprominenz, mit Fahnen über Fahnen und hysterischem Massen-„Heil“-Gebrüll bei den jeweils während der Akte mit Ungeduld erwarteten Huldigungsorgien in den Pausen noch eine Attraktion für einige sensationshungrige Ausländer. Der alte Muck hingegen sprach damals das in seinem Munde besonders erschreckende Wort: „Das beste wäre, die Bude brennte ab!“ ...

Damals leitete Tietjen auch die ersten Gehversuche der dritten Wagner-Generation. Wieland Wagner figurierte als Dekorateur des „Parsifal“. Einem Kritiker, der das nicht großartig fand, wurde von Winifred das künftige Erscheinen in Bayreuth verboten ... Nach dem zweiten Weltkriege aber improvisierten die amerikanischen Soldaten in der keineswegs abgebrannten „Bude“ – das heißt in demselben, trotz allem doch in so manchem Sinne „geweihten“ Hause, zu dem ihre Landsleute so oft und so lange ihre Begeisterung oder auch ihren Snobismus, jedenfalls ihre schweren Dollars getragen hatten – ein Jazztheater ... (Welch ein logisches Satyrspiel nach der voraufgegangenen pathetischen Schändungstragödie!)

Nun ist also die dritte Generation am Zuge. Was sie künstlerisch zu bieten haben wird, muß sich jetzt erweisen. Noch mehr aber: für wen, für welches Publikum. Werden es jene Globetrotter sein, die ihre Reise, bei den interessantesten Trümmerstätten beginnen (und enttäuscht sind, wenn davon hier oder da nicht mehr genug zu sehen ist), um nachher in Salzburg zu bedauern, daß der dort geplante gigantische Humbug einer „Musik-Olympiade“ mit dem Konkurrenzbau zur Festung auf dem anderen Gipfel des Mönchsbergs noch nicht zustande gekommen ist? Oder werden es Menschen sein, die etwas in Deutschland suchen, was ihnen hier verehrungswürdig erscheint? Und werden sie es finden?

An der Klärung dieser Fragen wird sich zeigen, ob „Bayreuth“ – noch oder wieder oder nun erst – ein geistiges Ereignis sein wird oder eine Angelegenheit der höheren Touristik.

Walter Abendroth