Eine öffentliche Aufforderung und ihre Erwiderung

Von Josef Marein

Bravo, Herr Direktor!“, so war vielleicht mancher versucht zu sagen, als er eine „öffentliche Aufforderung“ las, die der Regierungsdirektor im Bundesinnenministerium, Dr. Lüders, den Zeitungen überreichen ließ. Darin war von einem Gerücht die Rede, der NWDR habe ihm die Stellung eines stell vertretenden Intendanten des Senders Hamburg angeboten. Dies dementierte er und fügte hinzu, in der „Zeit“ sei behauptet worden, daß der Generaldirektor des NWDR ihm diesen Posten angeboten habe, und er erwähnte „Eingeweihte“, die in der „Zeit“ zitiert waren, und rief: „Ich fordere hiermit Herrn Marein öffentlich auf, die Namen dieser ,Eingeweihten‘ bekanntzugeben.“ Dann ließ er einige wenig höfliche Worte über die „Berufspflichten eines verantwortungsvollen Journalisten“, über das „Kolportieren verleumderischer Gerüchte“ und über „Vergiftung unseres heutigen politischen Lebens“ folgen ... Wir hatten geglaubt, nichts mehr über den NWDR schreiben zu müssen. Schade! Es ist uns keine Wahl gelassen. Wir müssen – der Gerechtigkeit und den Rundfunk-Hörern zuliebe – leider noch einiges sagen...

Die Kunst zu dementieren

Perfektion in der Kunst des Dementierens hat man im Alltag moderner Politik schon oft beobachten können. Dabei besteht einer der Kunstgriffe jeweils darin, in ein Dementi Behauptungen einzuflechten, die nicht gefallen sind. Der Dementator (oder sagt man: Dementist?) korrigiert dann seine eigene Korrektur und rechnet darauf, daß bald nicht mehr zu unterscheiden sei, wer welche falsche „Karte in den Skat gemischt“ oder wer welchen „Brunnen vergiftet habe“. – In unserem Falle also will Dr. Lüders glauben machen, in der „Zeit“ sei behauptet worden, Dr. Grimme habe ihm „diesen Posten“, nämlich den eines stellvertretenden Intendanten, angeboten. Keine Spur! Hier der Originalsatz, der in einem längeren Aufsatz der „Zeit“ nur eine Bemerkung war: „... selbst der sonst so dementifreudigen NWDR-Generaldirektion wird es nicht gelingen, glaubhaft zu dementieren, was Eingeweihte zu berichten haben: Lüders, der mit dem Entwurf eines Rundfunkgesetzes beschäftigt ist, habe – so heißt es – das Angebot erhalten, eine führende und natürlich hochbezahlte Stellung im NWDR zu übernehmen.“ Wohlverstanden, Lüders setzt die Eingeweihten in Anführungszeichen. Aber die Eingeweihten existieren. Sie erwiderten uns auf die Frage, ob ihre Namen jetzt genannt werden, dürften (denn es könnte doch sein, daß zunächst unser Brunnen vergiftet worden wäre, nicht wahr?), erst möge Dr. Lüders, der schon einmal im NWDR als Jurist tätig gewesen, folgenden Dementi-Satz formulieren: „Nie hat ein Gespräch mit mir über eine mögliche neue Verwendung im Bereiche des NWDR stattgefunden!“ Daß solche Verwendung in Hamburg, in Köln, in Hannover denkbar wäre, wisse Dr. Lüders selbst...

„Wie kommen wir da raus?“

Tant de bruit pour une omelette? Ohne Zweifel! Doch ist diese Episode deshalb nicht uninteressant, weil im NWDR selbst mittlerweile der offene Streit zwischen dem Generaldirektor und seinen Untergebenen – und diese gehören zum Teil sogar zur Generaldirektion – ausgebrochen ist. Grimme nämlich hatte der Hamburger „Welt am Sonntag“ vom 6. Mai ein Interview gegeben, in dem er den Versuch gemacht hatte, das offenkundig gewordene Versagen des NWDR auf die Mitarbeiter der Sender selbst, auf die Leute vorm Mikrophon abzuwälzen. Falls Dr. Lüders erlaubt, daß man Eingeweihten Glauben schenke, hat sich der Fortgang der Sache folgendermaßen abgespielt: Der Gesamtbetriebsrat – der unter dem Vorsitz des bekannten Kommentators Steigner (Köln), eines SPD-Mitgliedes, beide Sender vertritt – trat zusammen; Dr. Grimme, der davon hörte, hatte seine stereotype Frage: ‚Wie kommen wir da raus?‘, begab sich nach Hause und war an diesem Tage sogar telefonisch nicht mehr zu. erreichen. Es wurde ein Sendbote hingeschickt; der Generaldirektor möge wenigstens die Telefonleitungen wieder einschalten. Dr. Grimme unterdessen fuhr auf den Venusberg nach Bonn und gab von dort Nachricht, die Vertreter der Betriebsräte sollten zu ihm, nach Bonn kommen. Der Betriebsrat: Nein, er möge zurückkehren! Er kam, verlas ein inzwischen konzipiertes Schreiben. Der Betriebsrat: „Wir nehmen Ihnen das nicht ab“, worauf Grimme das Papier zerriß. Weitere Verhandlungen in Hamburg-Volksdorf, wo Grimme wohnt, unter dem Motto: ‚Wie kommen wir da raus?‘ Es war nicht „herauszukommen“. Der Betriebsrat – schon entschlossen, notfalls seine Gegenerklärungen als Inserat zu veröffentlichen – erhielt von der „Welt am Sonntag“ am 20. Mai Gelegenheit, öffentlich vorzutragen, worin Dr. Grimme unrecht habe. Dieser hat, so fügen die Eingeweihten hinzu, inzwischen seinen Urlaub angetreten...