Von Milton Shulman

Christopher Frys neuestes Stück „A Sleep of Prisoners“ wurde in der Oxforder Universitätskirche uraufgeführt.

Ich wünschte, Sie wären kein Dramatiker geworden“, schrieb der Theaterkritiker James Agate im Sommer 1946 an Christopher Fry. „Ich verfluche und verabscheue diese Sippschaft. Man sollte sie unter keinen Umständen dulden, sondern als Otterngezücht ächten, verbannen, und beschimpfen...“ Jemand, der weniger wußte, was er wollte, als Christopher Fry, hätte vielleicht vor diesem scharfen Schuß kapituliert. Fry ging jedoch über den Schatten Agates hinweg und wurde zum Katalysator für die Umwandlung des englischen Versdramas vom intellektuellen Spielzeug der wenigen Yeats-Auden-Eliot-Verehrer zum populären Vergnügen einer ständig wachsenden Gemeinde, zu der halbwüchsige Schulmädchen, ehrwürdige Matronen und verkommene Künstler zählen.

Innerhalb von nur zwei Jahren ist, Fry die interessanteste Erscheinung des modernen englischen Theaters geworden. Seine beiden (nun auch in Deutschland gespielten) Stücke „Die Dame ist nicht fürs Feuer“ und „Venus im Licht“ haben nicht nur die respektvolle Aufmerksamkeit der erlesensten literarischen Geister erweckt, sondern außerdem eine fast vulgär zu nennende Summe Geldes in die Theaterkassen gebracht. Kein geringeres Schauspielertrio als Sir Laurence Olivier, John Gielgud und Pamela Brown hat Freude an der Darstellung seiner Rollen gefunden, und schließlich hat er das seltenste aller Wunder zustande gebracht, nämlich Versdichtungen geschrieben, die zu Best-Sellern wurden. „Die Dame ist nicht fürs Feuer“ erlebte bereits sechs Auflagen, und von der „Venus im Licht“ waren schon vor dem Erscheinen 10 000 Exemplare verkauft.

Christopher Fry ist klein, wirkt bescheiden und mit seiner hohen Stirn, der geraden Nase, dem spöttischen Lächeln und den funkelnden Augen wie ein nicht ganz ernst zu nehmender Geistlicher.

Der Dichter wurde als ein Abkömmling von Elizabeth Fry und der angesehenen Quaker-Familie vor zweiundvierzig Jahren in Bristol geboren. Sein Vater war Architekt „mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen“ und gab seinen Beruf auf, um in den Slums von Bristol zu arbeiten. Er starb, als Christopher noch klein war und hinterließ nur wenige Mittel für die Erziehung des Sohnes, dessen Schulausbildung mit achtzehn Jahren beendet wurde, ohne daß er ein Abschlußzeugnis erlangt hätte.

Die Liebe zum Theater machte sich schon früh bei ihm bemerkbar. Er vermag sich noch an einen lebendigen Teddybär in einer Vorstellung von „Sindbad dem Seefahrer zu erinnern, zu der man ihn im Kinderwagen mitgenommen hatte. Für einen Menschen, dessen Werk mit klassischen und historischen Bemerkungen angefüllt ist, spricht er außerordentlich bescheiden von der Erziehung, die er genossen hat. „Ich habe auf der Schule überhaupt nichts gelernt“, sagte er. Und er glaubt auch nicht, daß er seitdem mehr als ein übliches Durchschnittsmaß an Lektüre und Studium bewältigt hat.