Die deutschen Gewerkschaften nutzen ihre "Macht der Millionen", wenn es um die Mitbestimmung geht; die britischen Gewerkschaften haben kürzlich, mit der Drohung und aktiven Vorbereitung eines Eisenbahnerstreiks, Lohnerhöhungen in voller Höhe ihrer Forderungen erzwungen, ohne mehr als eine "beschleunigte Miiarbeit" bei der Verminderung des schwellender Defizits der Eisenbahnen durch Leistungssteigerung zu versprechen.

Die Deutsche Bundesbahn hat, um "Gegenwertmittel" für Investitionen zu erhalten, präzise Zusagen zur Rentabilitätssicherung gegeben. Der verstaatlichte britische Transportapparat sieht der Ausweg zur Finanzierung der Lohnerhöhung hauptsächlich in neuen Tarif auf schlagen. Mehr noch, er fühlte sich sehr tugendhaft, als er einen Gewerkschaftsvorschlag auf "Lohnerhöhung aus den Staatssäckel", durch Subvention, nach ausgiebiger Debatte abschlug, statt ihn sofort als indiskutabel zurückzuweisen.

Gewiß, Englands Eisenbahner sind schlecht bezahlt. Die untersten Lohnsätze sind zu niedrig und die Aufstiegsmöglichkeiten mehr als bescheiden. Und auch die Klagen der Eisenbahner, daß ohne den Streikdruck der schwerfällige Apparat der Railway Executive und der über ihr schiebenden Transport Commisison, die für den gesamten Verkehr zuständig ist, auch jetzt noch nicht zur Entscheidung über die Lohnforderungen gekommen wäre, haben bestimmt einen wahren Kein, wenn dieser auch durch die Moskauer Sympathien von Mr. Figgins, dem Generalsekretär der Gewerkschaft, erhebliches an "Tara für Propagandazwecke" gewonnen hat...

Doch die Fakten sprechen in England nicht nur für Lohnerhöhungen der Eisenbahner – die jetzt mit 12 Mill. £ im Umfang von rund 7, 5 v. H. der bisherigen Löhne erfüllt worden sind – sonden auch für eine erhebliche Leistungssteigerung. Neben der Kürzung der Arbeitswoche von 48 auf 44 Stunden hat sich, nach zuverlässigen Berechnungen, auch die Leistung der britischen Eisenbahner je Arbeitsstunde gegenüber der Vorkriegszeit um 5 v. H. verringert. Selbst sozialistische Kenner der britischen Eisenbahnen geben offen zu, daß diese verschlechterte Leistung zum großen Teil beabsichtigt ist: Das Ziel ist, Entlassungen von entbehrlichen Kräften zu vermeiden! Die britischen Eisenbahnen beschäftigen gegenwärtig rund 575 000 Personen. Eine Kürzung der Belegschaft um 75 000 Mann könnte (nach Angaben aus Kreisen der Labour Party!) ohne jegliche Einschränkung der Dienste, ohne irgendeine Verschlechterung der Leistungen vorgenommen werden-und das Defizit der verstaatlichten Eisenbahnen – rund 50 Mill. £ in den drei Jahren seit der Verstaatlichung – beträchtlich reduzieren helfen. Doch nicht einmal die erhebliche Einschränkung des Zugverkehrs in diesem Winter – aus Kohlenmangel – hat irgendwelche Rückwirkungen auf den Personalbestand gehabt. Die frei gewordenen Kräfte "wurden anderweitig absorbiert", so erklärte die Regierung im Unterhaus. Die weitere, nicht ganz unberechtigte Frage der Opposition: "Was tun denn diese Männer nun?" – diese Frage blieb unbeantwortet.

So wird man sich demnächst, nach erfolgter Lohnerhöhung, darüber unterhalten, ob es einem Lokomotivführer und seinem Heizer zugemutet werden kann, daß sie ein- bis zweimal in der Woche auswärts übernachten (um zu vermeiden, daß, wie bisher, Eisenbahner als "Passagiere" zur Nachtruhe nach Hause gefahren werden müssen), daß sie von selbst mitten in der Nacht aufwachen und zum Dienst gehen – anstatt von besonderen menschlichen Weckern der Bahn geweckt zu werden – und dergleichen mehr. Damit will man 2–3 Mill. £ im Jahre einsparen.

Dieses Bild aus Verstaatlichung und Vollbeschäftigung in England muß man sich vergegenwärtigen, weil es leider symptomatisch ist für die noch nicht überwundene "Einstellung" weiter Kreise der britischen Arbeiterschaft zur Selbstverantwortung in der industriellen Demokratie. Man "vergleicht" die Zinslast der britischen Eisenbahnen von 36 Mill. £ mit der Lohnforderung von 12 Mill. £ und tut so, als ob "die Kapitalisten" nur auf ein Drittel ihres Einkommens zu verzichten brauchten, um die berechtigten Lohnforderungen der Eisenbahner zu erfüllen. Man "empfiehlt", die Rentabilitätsverpflichtung für die Eisenbahnen "auf fünf Jahre auszusetzen", damit der Verlust der Eisenbahnen nicht "vom Publikum", auf dem Tarifwege, gedeckt zu werden brauche. Und man verpflichtet sich nur zur "Erörterung" von kleinen Leistungssteigerungen der geschilderten Art für die Zukunft, während die Lohnerhöhung rückwirkend ab 1. Januar Geltung hat. Wann wird sich die Erkenntnis durchsetzen, daß Leistung und Gegenleistung und daß die Beziehung zwischen Kosten und Erträgen keine Erfindung der Privatwirtschaft sind? E. Gerwin