Ulbricht, der ostzonale Lenin, hat erklärt, daß sich in der Sowjetzone eine "natürliche und gesunde Konkurrenz zwischen den staatlichen Handelszentralen und dem privaten Handel entwickeln und dem Wettbewerb aller Handelsformen ein weiter Spielraum gelassen werden muß". Der Umfang dieses Spielraums für einen "Wettbewerb aller Handelsformen" in von der SED-Staatspartei bereits 1949 durch Politbürobeschluß festgelegt worden: "Die volkseigenen Handelszentralen haben die Aufgabe, die Erzeugnisse der volkseigenen Industrie zu vertreiben und die volkseigene Wirtschaft zu versorgen." Diese bewußt gewählte weil verschleiernde Formulierung besagt freilich für die Praxis, daß alle Waren aus der staatlichen Produktion, also mehr als 50 v. H., an die staatlichen Großhandelszentralen verkauft werden müssen. Und dann kauft der Staatshandel noch fast alle Waren aus der Privatindustrie auf. Soweit der private Großhandel noch geduldet wird, arbeitet er als Kommissionär des Staates. Es ist eben alles geplant – auch der Einzelhandel.

Die Umsatzentwickung des Privateinzelhandels, der Konsumgenossenschaften und des Staatlichen Kleinhandels (HO) ist durch den "Warenumsatzplan" bestimmt.

Offiziell verbleiben nach ihm dem Privathandel für 1950 rund 60 v. H. der Gesamtumsätze (9,2 Mrd. Ostmark). Bis 1955 soll der Umsatzanteil, den "Kontrollziffern" des Ministeriums für Planung entsprechend, auf 33 v. H. ermäßigt sein. Dafür wird der staatliche Einzelhandel (HO) seinen Umsatz 1950 von 4 Mrd. Ostmark (Plansoll) bis 1955 mit 11 Mrd. fast verdreifachen. Die Konsumgenossenschaften, 1950 mit einem Umsatz von 2,8 Mrd. Ostmark "verplant", sollen 1955 auf 6,8 Mrd. Umsatz hinaufgeschleust werden. Warenumsatzpläne aber sind ja nur der äußere Rahmen. Der Einzelhandel Steht und fällt, einzelwirtschaftlich gesehen, mit den Bezugsmöglichkeiten, mit dem, was mit Staat einzukaufen gestattet. Und da was der Warenzuteilungen an den privaten Einzelhandel erheblich geringer als die in den Umsatzplänen festgelegten Anteile. Wenn offiziell Privathandel zu Genossenschaftshandel wie 77 zu 23 "Verplant" war, dann erhielt tatsächlich der private Einzelhandel bei gewerblichen Gebrauchsgütern nur 45 bis 50 v. H., bei Teigwaren lediglich 32 und bei Butter 42 v. H. der Warenzuteilungen. Hinzu kommt das absolute Vorkaufsrecht des staatlichen und genossenschaftlichen Handels bei der Auftragserteilung, das dem privaten Handel den Einkauf von Qualitätswaren praktisch unmöglich macht.

Beschleunigt wird diese Entwicklung durch die von der HO abgeschlossenen "Kommissionsverträge" mit dem Privateinzelhandel. Zwei Wege geht man dabei: Einmal sollen die Einzelhändler "auf streng freiwilliger Grundlage" angeregt werden, ihren bisherigen Warenverkauf einzustellen, um als Agenten der HO ausschließlich HO-Waren zu verkaufen. Sie geben damit ihre Selbständigkeit auf, können jederzeit dann als "Filialleiter" abgelöst und durch einen Linientreuen ersetzt werden. Einzelhändler, die vorerst nicht bereit sind, ihre Selbständigkeit aufzugeben, sollen veranlaßt werden, gegen eine geringe Provision auch HO-Waren in ihr Sortiment aufzunehmen. Auch in diesem Fall erhält der Kontrollapparat der HO das Recht zur Überwachung dieser Geschäfte. Es ist offensichtlich beabsichtigt, zu gegebener Zeit auch diese Geschäfte durch die HO übernehmen zu lassen. Eben deshalb ist man auch beim zentralen Planungsamt der Sowjetzone mit der Bereitstellung der Investitionsmitel für die HO, die jetzt dringender für den Ausbau der Schwerindustrie gebraucht werden, für 1951 auffallend zurückhaltend gewesen. Während der HO im letzten Jahr rund 70 Mill. Ostmark für Investition gegeben wurden, sind es in diesem Jahr nur noch 35 Mill. Gleichzeitig aber soll das Verkaufsstellennetz der HO in diesem Jahr um "mindestens hundert Prozent", auf 15 000 Geschäfte, erweitert werden. Der Weg hierzu führt über das Aufsaugen des Privathandels. H. S.