Die Getreidesituation Westdeutschlands hat sich in den letzten Wochen nicht verändert; wir leben noch immer – oder schon wieder – vom Schiff in den Mund und werden nur mit Mühe den Anschluß an die neue Ernte erreichen. Die mit so vielen Hoffnungen verbundene Nachricht über die Einfuhr von 800 000 t Brotgetreide aus den USA noch während der letzten vier Monate des laufenden Wirtschaftsjahres (1. Juli 1950 bis 30. Juni 1951) hat sich bisher leider nicht voll realisieren lassen. Nach dem amtlichen Ausfuhrprogramm der Vereinigten Staaten sollten monatlich 200 000 t Brotgetreide nach Westdeutschland verschifft werden. Die tatsächlichen Verschiffungszahlen zeigen, daß das „amtliche Soll“ bisher nicht erreicht wurde. Nach vorhandenen Unterlagen sind im März und April „nur“ je etwa 140 000 t zur Verschiffung gekommen.

Minister Niklas hat in den letzten Tagen erneut persönlich an die Landwirtschaftsminister des Bundes geschrieben mit der Bitte, alles Erdenkliche zur Erfassung der noch vorhandenen Bestände der Inlandsernte zu tun, was, wie man hört, gelegentlich zu der Bemerkung geführt haben soll: „Der Bundesminister erwartet von uns biblische Wunderkräfte und hofft auf eine zweite wunderbare Brotmehrung.“ Eine Zunahme der Ablieferungsleistung der Landwirtschaft ist auch im vergangenen Monat nicht zu verzeichnen gewesen. Sie lag im März erneut niedriger als im Vorjahr und war geringer, als es dem normalen Rhythmus entspricht. Dennoch sollten Versorgungsschwierigkeiten vermieden werden können. Wir werden uns „durchlavieren“ mit der sicheren Aussicht, zu Beginn des neuen Wirtschaftsjahres über keine wesentlichen Bestände in der Bundesreserve mehr zu verfügen.

Damit wird nun das nächste Problem angeschnitten: Wie wird sich die Brotgetreideversorgung im neuen Wirtschaftsjahr gestalten? Das Ergebnis der letzten Schweinezählung läßt ein weiteres Ansteigen der Bestände erkennen. Trotz aller vorsorglichen Hinweise auf eine stark sinkende Tendenz der Schweinepreise in diesem Frühjahr haben sich die Landwirtschaftlichen Betriebe und gewerblichen Mäster nicht bereitfinden können, einen Abbau der Bestände vorzunehmen. Die Baisse an den Schweinemärkten, die in den letzten vier Wochen erstmalig offensichtlich in Erscheinung getreten ist, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten fortsetzen. Aber die Reaktion der Mäster auf diese Baisse wird sich frühestens im November/Dezember 1951 bemerkbar machen können. Zu einem früheren Termin ist die Nachzucht nicht mehr zu beeinflussen. Eine Entlastung des Brot- und Euttergetreidemarktes wird darum nicht vor dem Frühjahr 1952 zu erwarten sein und sich erst für die Ernte 1952 voll auswirken.

Die „große Unbekannte“ in allen Überlegungen und Maßnahmen bleibt aber die Importfrage, Der aufmerksame Beobachter des Weltmarktes; wird die Auffassung teilen, daß die Deckung des dringendsten Bedarfs an Brot- und Futtergetreide wesentlich schwieriger sein wird als im vorigen Jahr. Die Tendenzen einer verstärkten Vorratshaltung haben nicht nachgelassen. Die Amerikaner verzeichnen einen sehr geringen „Überhang“ an Brot- und Futtergetreide in der Reserve für mögliche Ausfuhren. Zusätzlich rechnet man in den USA mit einer erheblich geringeren Ernte an Brot- und Futtergetreide, wovon die Exportpolitik der USA bei den vorhandenen Ansprüchen in der Welt naturgemäß stark beeinflußt wird. Mit einer gewissen Sicherheit können wir nur auf die um im Rahmen des Internationalen Weizenabkommens zustehenden Mengen von 1,8 Mill. t rechnet. Damit allein ist jedoch der Marktausgleich nicht zu finden. Ebenso wird unsere Einfuhrplanung von der Devisenlage beeinflußt. Die Preise auf dem Weltmarkt machen erheblich höhere Aufwendungen notwendig. Inwieweit die Amerikaner ECA-Mittel für uns bereitstellen, bleibt abzuwarten.

Dennoch sollte es möglich sein, den Brotgetreidebedarf auf dem Weltmarkt annähernd zu decken. Schließich kommen auch noch andere Länder in Betracht, von denen wir mit nennenswerten Mengen rechnen dürfen. Wesentlich schwieriger wird die Beschaffung der notwendigen Futtergetreidemengen sein. Wenn wir im letzten Jahr den Importbedarf mit etwa 1,8 Mill. t annehmen durften, so wird sich in diesem Jahr der Bedarf auf mindestens 2 bis 2,5 Mill. t beziffern, um ohne Störungen des Marktes die Versorgung sicherzustellen. Eine solche Menge zu beschaffen, scheint geradezu aussichtslos. Der Futtergetreidemarkt ist sehr fest und läßt Tendenzen erkennen, die ein weiteres Ansteigen der Preise zur Folge haben werden. Von der Futtergetreideseite her wird also der deutsche Markt und damit die Versorgung entscheidend beeinflußt.

Diese Aussichten für die deutsche Versorgungslage werden natürlich auch in Westdeutschland nicht verkannt. Aber eben weil niemand weiß, wie der Markt sich gestalten wird, kommt es nicht zu Entscheidungen, die eine gewisse Grundlage für die Arbeit der Wirtschaft darstellen. Es ist jetzt Mitte Mai; man muß kein Prophet sein, um zu behaupten, daß wir auch in diesem Jahr am 1. Juli über keine ausreichende Gesetzgebung verfügei. In Bonn werden Marktordnungsgedanken sehr stark vertreten, obwohl jeder weiß, daß die Autorität des Staates nicht ausreichend sein wird, um das Entstehen eines „schwarzen Marktes“ zu verhindern. Vertreter der Wirtschaft halten nach wie vor den Preis für den einzig möglichen Regulator, wobei man in der Brotpreisfrage allerdings die Beibehaltung des Konsumbrotes, d. h. die Subventionierung, für erforderlich hält. Es nimmt nur Wunder, daß man noch nicht daran gedacht hat, die Wirtschaft bei der Abfassung der Gesetze verantwortlich miteinzuschalten. Man würde das tragende Fundament wesentlich erweitern. Alfred Strothe