Von Hanns Mayer

Im Hauptquartier der französischen Existentialisten, dem Café de Flore am Boulevard Saint-Germain in Paris, flüstert der Kellner einem nach Cadillac und Traveller-Schecks riechenden Amerikaner in recht gutem Englisch zu: „Sehen Sie dort den kleinen, schielenden Herrn, der zwischen den beiden Existentialisten sitzt? Das ist Monsieur Sartre...“ Der Besucher, der einen Blick in die Ecke wirft und auch sofort zwei jugendliche Herren mit tief in den Nacken gewachsenen Haaren, karierten Hemden, aufgekrempelten Gabardinehosen und Fußballschuhen mühelos als die gemeinen „Existentialisten“ erkennt und auch des kleinen unauffällig nach Beamtenart gekleideten Herrn in der Mitte ansichtig wird, reicht dem Kellner ein nicht unerhebliches Trinkgeld und sagt befriedigte „Sehr gut, mein Freund, ich wußte, man kommt nicht umsonst hierher ...“

Diese Anekdote charakterisiert knapp und schlagkräftig die Entwicklung des Existentialismus in Frankreich, der als eine Philosophie begann und in den Niederungen des Fremden-Amüsements und der Sensationsreportagen ein (übrigens sicher nicht unwiderrufliches) Ende fand. In der Tat: Unser Kellner, der den Begründer des Existentialismus einem Gaste dadurch kennzeichnete, daß er von seinen Sitznachbarn, deren Merkmale für ihre „Weltanschauung“ in vernachlässigter Kleidung bestanden, als „Existentialisten“ schlechthin sprach, – unser Kellner hat nur eine ihren Ursprung überwuchernde, längst allgemeine Wortbedeutung akzeptiert. Denn es ist dahin gekommen, daß sogar der Argot (proletarische, auch lumpenproletarische Umgangssprache) sich des ursprünglich philosophischen Begriffs bemächtigt hat und man heute in Paris von den „Keller-Ratten“, den oft ganz entzückend gewandten Bee-Bop-Tänzern der raucherfüllten, billigen „Caves“ als „les existos“ spricht, (so wie die Metallarbeiter sich als „metallos“ bezeichnen) beziehungsweise, daß Damen der Gesellschaft, wenn sie sich ein besonders kühnes Kleid machen lassen, von einer „robe très existo“ sprechen.

Es kann übrigens nicht geleugnet werden, daß die Welle des Pseudo-Existentialismus schon seit etwa einem Jahr im Abschwellen ist. Die amerikanischen Touristen, die sich noch im Sommer 1949 im Café de Flore oder seinem Konkurrenzunternehmen, dem Café „Les deux Magots“, drängten, ziehen neuerdings wieder robustere Unterhaltungen vor, wenden sich vom fragwürdigen Sex-Appeal Jean-Paul Sartres ab und den bewährten Cancans der „Folies Bergeres“ zu.

Wie war doch die Entwicklung gewesen? So könnte eine Zeittafel des Existentialismus in Frankreich aussehen:

Noch vor dem zweiten Weltkrieg erscheint ein umfangreiches, sehr schwer zu lesendes philosophisches Werk, das sich in wesentlichen Partien auf die Überlegungen des deutschen Philosophen Heidegger stützt: Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“. Im Herbst 1945, nach Kriegsende, dringt die für Frankreich neue Weltanschauung, die vorher unbeachtet geblieben war, in du intellektuellen Zirkel der französischen Hauptstadt ein. Um diese Zeit hält Sartre Vorträge, die gewaltige Säle bis auf den letzten Platz füllen. Eine philosophisch fanatisierte Zuhörerschaft hängt atemlos an seinen Lippen.

1946 wird unter der Protektion des Meisters und seiner späteren Gattin, Simone de Beauvoir, in der Rue Dauphiné, der winzige, mit primitiven Skulpturen ausgestattete Nachtklub „Le Tabou“ eröffnet. Er bleibt vorerst noch exklusiv. Man diskutiert Philosophie, rezitiert Gedichte von Appolinaire. Aber das „Tabou“ hält der doppelten Offensive des Snobismus nicht lange stand: Gelcstarke Sensationskundschaft und pseudointellektuelle Jugendliche, die sich zügellose Unterhaltung versprechen, finden Einlaß.