Die französische Bühne kennt keinen Bruch zwischen Generationen; sie ist wie ein alter Park, der jedes Jahr von selbst neu grünt und um "Nachwuchs" nicht verlegen ist. Für das come Jack von Elvire Popesco, der "Pipine" der zwanziger Jahre, schrieb André Roussin, der Benjamin unter den heutigen Komödienschreibern, 1949 das Stück von "Nina", der reifen Frau, der es mit jedem amourösen Abenteuer mehr vor der Einsamkeit graut, weil sie erfahren hat, daß sie "unschlagbar" ist und den Mann, der stärker ist als sie, nicht finden wird. Eine Tournee der Pariser Inszenierung durch Deutschland zeigte in Hamburg diese zwischen Schwermut und Ausgelassenheit pendelnde Variante des unverwüstlichen Dreiecksthemas mit einer Umstülpung der männlichen Ecken: Der Gatte kompensiert seine Unterlegenheit durch phantastische Zerstörungslust, der Geliebte leidet an neurotischem Verdruß über seine billigen Erfolge als Verführer – und am wehmütig-lustigen Ende werden beide mit Kompressen und Heiltränkchen nebeneinander in das seiner Bestimmung entfremdete Lotterbett gelegt. Die Flucht vor der Liebe hat alle Konflikte ausgeschaltet, aber das Gefühl der Leere drängt sich noch auf im übermütigen Spiel mit seinen schrecklichen Möglichkeiten. Mit Elvire Popesco, der die Jahrzehnte an darstellerischer Kraft nichts haben nehmen können, exzellieren Robert Vattier und Maurice Teynac in der Kunst, Verzweiflung durch skurriles Gehabe zu überdecken und in der Hohen Schule der lockeren Pointierung. C. E. L.

Stuttgart, Anfang Mai

Hermann Roßmann wurde Anfang der dreißiger Jahre mit seinem damals bei uns und auch in England viel gespielten Stück "Flieger" bekannt. In seinem neuen Schauspiel "Oberleutnant Achilles" wagt er sich an unsere jüngste Vergangenheit. Der zweiundzwanzigjährige Titelheld wird nach dem 150. Luftsieg von der Afrikafront ins Führerhauptquartier befohlen, um dort die Brillanten zum Ritterkreuz zu empfangen. Während dreier Urlaubstage erfährt und erkennt Achilles in einer gedrängten Szenenfolge (Lazarett, Hauptquartier, Vorraum zum Sendesaal des Wunschkonzerts und Luftschutzbunker) die ganze verhängnisvolle Situation. Er kann sich aber nicht gegen seine immer noch vertrauensseligen jungen Kameraden zum Widerstand entscheiden, wozu er als ins Hauptquartier Kommandierter dann auch noch die besten Chancen erhält, sondern stürzt sich in den Tod. Roßmann bemüht sich redlich, gibt aber noch nicht die wirkliche Auseinandersetzung mit der allzunahen Vergangenheit. Handwerklich merkt man seinem Stück an, daß er in der letzten Zeit vor allem Hörspiele ("Flüchtlinge") geschrieben hat. Er vereinfacht zu sehr im dramaturgischen Aufbau und in der Anlage der Figuren. Die Dialoge werden nicht differenziert genug geführt, um die oft heillos verschränkten Verhältnisse wirklich fassen zu können. In der persönlichen Sphäre rutscht das Stück ins Sentimentale ab.

Der Beifall für die unter der Spielleitung von Franz Essel sauber erarbeitete Uraufführung am Stuttgarter Jungen Theater mit Heinz Krätzschmar in der Titelrolle rief zum Schluß auch mehrmals den Autor. H. D.