Es geht eine Wanderausstellung durch das Bundesgebiet. Sie läßt sich in zwei größere Kisten verpacken und füllt zwei mittelgroße Räume. Aber sie hat eine Werbekraft, die kaum eine andere aufzuweisen hat: die wirkliche, unmittelbare Teilnahme von Hunderttausenden an ihrem Gegenstand: dem Los der Kriegsgefangenen. Es ist eine unscheinbare Sammlung von Dokumenten. Nicht auf säuberlich gedruckten Schriften und Traktaten, sondern auf fragmentarische Papierfetzen hingekritzelte durchgeschmuggelte Briefe, Liedernoten und Gedichttexte auf Birkenrinde gemalt, Kassiber in Form von selbstgebastelten Puppen, die in ihrem Inneren Todeslisten bargen. Es sind echte „Documents humains“. Was sich hier dokumentiert, ist weit mehr als verletzter National- oder Männerstolz vor Feindestribunalen. Es gibt das auch – vor allem aus der ersten Nachkriegszeit oder noch früheren Gefangenenlagern. Dieses Aufbegehren der „Nationalehre“, dieses hoffnungslose und peinigende „Deutschland über alles“, diesen oft noch mit Hakenkreuz und Schwarzweißrot aufgemachten verschlissenen Heroismus. Aber er versickert immer mehr in der Menge echter Verzweiflung, verstummt unter den Schreien aus der Tiefe einer Not, die – trotz der Anteilnahme der unmittelbar Betroffenen – heute schon kaum mehr vorgestellt wird in unserem sich restaurierenden und geglätteten Dasein. Je mehr man an Hand der ausgestellten Gegenstände und Mitteilungen in die jüngste Zeit kommt, je länger die Gefangenschaft also dauert, desto unwesentlicher wird die nationale Zugehörigkeit des Gefangenen, desto wichtiger und deutlicher die äußerste Geplagtheit des Menschen, dem man auf unbestimmte Zeit die Freiheit nahm und damit die Voraussetzung menschlichen Daseins.

Mit den äußeren Leiden – Hunger und Kälte – nimmt auch die innere Plage aller gewaltsamen Isolierung zu – das Abstumpfen, das Versiegen. Es ist unheimlich zu sehen, wie wenig dem Menschen an äußeren Hilfsmitteln gehören kann, um sich als Mensch zu charakterisieren. Es ist mehr als rührend – es ist ungeheuerlich zu beobachten, mit welcher Zähigkeit und Kraft er sich um dieses letzte entscheidende Charakteristikum bemüht. Er tut dies mit unzulänglichen Mitteln, er hat dort zu beginnen, wo der erste Mensch begonnen haben mag. Was dabei herauskommt, mag den Ungerührten wie das Ergebnis von Beschäftigungsspielen im Kindergarten anmuten. Die Qualität dieser Arbeiten in den leeren Stunden einer bedrängten „Muße“, dieser Häkeleien, Basteleien, Schnitzereien und Dichtereien ist oft gering. Hier hat das ästhetische Urteil seine Grenze wirklich erreicht: die eigentliche Qualität liegt in dem Versuch, überhaupt etwas zu tun, irgend etwas hervorzubringen und so das Dasein zu ordnen.

Erschreckend zeigt sich das Gefälle vom ersten zum zweiten Weltkrieg. Auch damals schon waren die Nöte der Gefangenen groß, aber immerhin noch übersehbar. Es gab ungebrochene Konventionen zu halten, ein äußeres Schutzgehege in den allgemeinen Rechts- und Moralvorstellungen. Nach dem letzten Kriege aber wird der Abbau sichtbar, das – vor allem in den östlichen Lagern – völlige Ausgesetztsein, eine Rechtlosigkeit, die kaum zu kontrollieren und noch weniger zu beheben ist. Sehr eindringlich mahnt die statistische amtliche und erzählende Literatur aller Sprachen zwischen den beiden Kriegen an die unerfüllten guten Vorsätze nach der einen schrecklichen Erfahrung. Niemand wird sich der Einsicht entziehen können, daß es sich hier nicht um die Darstellung des Gefangenenloses auf „einer Seite“ handelt, nicht um ein Unrecht das einem geschieht, sondern um die Auflösung von rechtlichen und ethischen Begriffen in allen, die es erdulden, die es zulassen, die es womöglich veranlassen.

Das Bewußtsein hierfür ist überall in einigen lebendig. Wenn von einem Franzosen „für gerechte Richter und einwandfreie Zeugen und Gesetze“ plädiert wird, so geschieht das nicht aus bloßem Wohlwollen gegenüber den Deutschen in Frankreich, sondern aus der beängstigenden Erkenntnis, daß die Rechtsunsicherheit, die in der Welt ist, ein ansteckendes Übel ist, das alle, die in der Welt sind, befallen kann.

Kyra Stromberg