In Hamburg haben Studenten demonstriert. Polizei hat in den Demonstrationszug hineingeschlagen und seine Auflösung erzwungen. Eine lokale Angelegenheit, über die man mit einer Notiz hinweggehen könnte? Keineswegs! Ein Vorgang, der für die heutige Zeit so bezeichnend ist, daß er verdient, in seinen Einzelheiten festgehalten zu werden.

Zunächst die Ursache der Demonstration: Die Hamburger Hochbahn hat den Studenten im Oktober vorigen Jahres das Recht entzogen, mit verbilligten Schülerkarten zu fahren. Dies hat die unbemittelten Studenten, die einen wesentlichen und wichtigen Teil der Studentenschaft bilden, in schwere Bedrängnis gebracht. Der ASTA versuchte sechs Monate lang zu erreichen, daß diese unsoziale Maßnahme zurückgenommen werde. Die Hamburger Hochbahn-AG erklärt, die Tarifhoheit läge bei Senat und Bürgerschaft. Der Senat sagt, er habe in der Frage einiges getan; geschehen aber ist nichts. Die Bürgerschaft schweigt. Der Senat und die Mehrheit der Bürgerschaft sind sozialdemokratisch. Man sollte meinen, dies müsse den Verhandlungen zugute kommen. Offenbar ist es aber bei uns nun einmal nicht gut, wenn eine einzelne Partei zur Macht kommt. Dies schläfert, scheint es, das Gewissen ein.

Einem Teil der Studenten riß endlich die Geduld. Sie beschlossen, eine demonstrative Versammlung vor der Universität abzuhalten. Sie meldeten dies auch – so berichten sie – eine Stunde vorher bei der Polizei an. Daher war diese rechtzeitig zur Stelle. Nun entwickelte sich alles schnell. Der Syndikus der Universität erschien. Er rief: "Sie befinden sich auf dem Gelände der Universität!" Rief er dies den Polizisten zu, um sie zu mahnen, daß sie den Boden der Alma Mater ungerufen nicht betreten dürfen? Keineswegs. Er befahl den Studenten, auseinanderzugehen. Redete er ihnen freundschaftlich zu? O nein, er forderte einen von ihnen auf, seinen Ausweis herzugeben, wohl damit gegen ihn ein Disziplinarverfahren eröffnet werden könne. Kein Wort an die Kommilitonen, kein spürbares Gefühl für akademische Zusammengehörigkeit. In der freien Republik des Geistes ein sturer Vertreter der staatlichen Obrigkeit.

Nunmehr formierte sich ein Zug. Einige hundert Meter von der Universität entfernt, immer noch weit außerhalb der Bannmeile, trat ihm die Polizei entgegen und wies ihm einen Weg an, der von der Innenstadt fortführt. Als aber die Spitze des Zuges dieser Anordnung nicht sofort und sichtbar folgte, ertönte ohne vorherige Warnung der Befehl: "Stab frei!" (Was im Deutschen "frei" nicht alles bedeuten kann!) Und nun schlugen Polizisten blindlings zu, ganz gleich, ob dabei Studenten und Studentinnen mitten ins Gesicht getroffen wurden. Erst als die Demonstranten im Chor riefen: Volkspolizei, Volkspolizei... zogen sich die Polizisten zurück. Daß die Studenten nunmehr die Demonstration innerhalb der Bannmeile fortsetzten, wo sich auch Passanten und Bauarbeiter an den Kämpfen mit der Polizei beteiligten, war gewiß ein Fehler. Aber wer will von so aufgebrachten jungen Menschen verlangen, daß sie nach alle dem noch vernünftig blieben?

Wie nun äußerten sich die offiziellen Stellen zu diesen Vorgängen? Der Senat behauptete, die beteiligten Studenten seien von "kommunistischen und extremen Elementen" zu der Demonstration aufgehetzt worden. Wohlgemerkt: von Elementen, nicht von dem Kommunisten X oder dem Rechtsradikalen Y. Der ASTA hat diese Beschuldigung in aller Farm zurückgewiesen. Der Senat dankte ferner der Polizei für ihr "tatkräftiges Eingreifen". Die Hamburger Hochbahn-AG läßt erklären, daß die Demonstration die "schwebenden Verhandlungen" keineswegs "erleichtern" werde. Und der Nordwestdeutsche Rundfunk endlich, von dem ein Übertragungswagen bei der Versammlung vor der Universität zur Stelle war, hat verboten, die Reportage im "Echo des Tages" zu senden.

Was haben wir daraus zu lernen? Daß offenbar mangelnde Menschlichkeit immer mehr ein Zeichen des modernen Staates wird. Tgl.