Tito kommt den Bauern entgegen

Die jugoslawische Regierung hat jetzt erneutsehr umfassende Maßnahmen zu der seit einiger Zeit angekündigten Liberalisierung der jugoslawischen Wirtschaft angeordnet, die darauf hindeutet, daß es ihr wirklich ernst mit diesem Vorhaben ist. Sie hat den Ablieferungszwang für Fleisch, Milch, Kartoffeln, Bohnen, Heu und Stroh aufgehoben. Diese Erzeugnisse können von nun an auf dem freien Markt verkauft werden. Nur Brot, Fett, Zucker und Seife bleiben rationiert. Das ist ein gewaltiger Triumph für die Bauern, die sich sechs Jahre lang der Kollektivierung ihrer Güter und dem Ablieferungszwang erbittert widersetzt und so schließlich die Lebensmittelversorgung des Landes bis zu einem Punkt gefährdet bitten, an dem nur mehr eine großzügige amerikanische Hilfe den Zusammenbruch verhindern konnte. Ob Tito selbst die Nutzlosigkeit von Gewaltanwendung gegen die Bauern, die nach den Kolchosenexperimenten immer noch 75 v. H. des Bodens als Privatbesitz in Händen halten, eingesehen oder ob er den Ratschlägen der Amerikaner gefolgt ist, ist bisher nicht deutlich zu erkennen. Sicher scheint nur zu sein, daß nunmehr ein Prozeß in Gang kommt, in dem das sowjetische Muster einer Volkswirtschaft, das in Jugoslawien zuerst aufs getreulichste nachgeahmt wurde, wieder abgebaut wird, in dem auf die Ergebnislosigkeit des Zwanges nicht mit verstärktem Zwang, sondern mit Lockerung geantwortet wird; kurz in dem Fehler korrigiert, nicht aber durch vergrößerte Fehler übertönt werden.

Das ist ein Vorgang von sehr hoher Bedeutung. Denn unter den Argumenten, mit denen sich die Regierungen der Satellitenländer mit den dauernden und immer noch wachsenden Produktionsschwierigkeiten auseinandersetzen, ist gewiß auch dieses, daß es auf dem Wege der kommunistischen Planwirtschaft, wenn man ihn einmal eingeschlagen hat, kein Zurück mehr gäbe. Führt nun alter die Liberalisierung der Agrarwirtschaft, die Belgrad jetzt einleitet, zu der erwarteten schnellen Produktionssteigerung – zu der sie auch unter dem Regime der "Neuen Wirtschaftspolitik" unter Lenin in Rußland geführt hat –, dann wird man aus Budapest, Sofia und Bukarest auf die Belgrader Unabhängigkeit mit gesteigerter Sehnsucht und je nach der Einstellung mit vermehrtem Neid oder Haß sehen.

Politisch aber wird sie auch im Innern Jugoslawiens von Bedeutung sein. Es besteht eine bescheidene Chance, daß die Bauern, die den weitaus größten Teil der jugoslawischen Bevölkerung aismachen, solange die Liberalisierung fortschreite-, sich bis zu einem gewissen Grade mit dem kommunistischen Regime abfinden. Das könnte unter anderem der jugoslawischen Armee einen Wert geben, den sie bisher noch nicht besitzt. Dazu wird freilich neben der wirtschaftlichen auch eine politische Liberalisierung notwendig sein: die Abkehr vom Polizeistaat. Auf diesem Gebiet fehlen aber noch die entscheidenden Maßnahmen, wenngleich einige Versprechungen der Regierung registriert werden können. H. A.