Erzählung von Heinz Ulrich

Steinhagens wohnten in einer Laube weit draußen am Ende der Stadt. Ich hatte Mühe, mein Bündel bis dorthin zu schleppen und schimpfte auf meinen Vater, während ich ging. Sein Mantel wog schwer. Weswegen hatte er mich geschickt? Warum war er nicht selber gegangen? Die Laube war klein und schief, der Garten schmutzig und ungepflegt. Wäsche war über dem Rasen aus grauen Grasbüscheln aufgehängt und zerbrochenes Spielzeug lag vor der Tür.

Ich klopfte an, aber drinnen war es so laut, sie hörten mich nicht. Dann trat ich ein. Eine Welle verbrauchter Luft, der scharfe Geruch von schmutziger Wäsche und der süße von Kohl schlug mir ins Gesicht. Und obwohl es fast mittags war, saßen zwei große Kinder im Bett und zankten sich schreiend. Ich hatte noch niemals eine solche Wirtschaft gesehen.

Herr Steinhagen lag angezogen auf einem Bett. Er hatte ein Buch in der Hand und darüber hinweg sah er mich an. Er hatte eine hohe Stirn und einen gewaltigen kahlen Schädel, tiefliegende, sanfte, hilflose Augen, einen kleinen Mund und ein kraftloses Kinn. Von Körper war er ein Riese. Er stand langsam auf und verbeugte sich. "Dietlinde", rief er, "hier ist ein Gast." Und er nahm meine Hand und verbeugte sich nochmals. Auch ich verbeugte mich, weil ich es nicht aushielt, ihn anzusehen.

"Setz dich!" fuhr er mich plötzlich an. "So arm sind wir nicht, daß du stehen mußt", und wie rasend schrie er nach hinten: "Dietlinde, kommst du jetzt endlich?" Ich aber stand, hielt mein Paket unter den Arm gepreßt und brachte kein Wort heraus. Ein Vorhang spaltete sich und eine Frau kam heraus. Ich kannte sie nicht. Herr Steinhagen kam immer allein zu uns, um Geige zu spielen, und wenn jemand ihn nach ihr fragte, sagte er: "Sie ist eine geborene Von, sie traut sich so nicht."

Sie war eine kleine Frau mit erschrockenen Augen, sie hatte graues, strähniges Haar, in der Mitte gescheitelt, und unter dem schmutzigen zerrissenen Hängerkleid sah ich einen unförmigen Bauch. "Das ist furchtbar nett, furchtbar nett, daß Sie kommen", stammelte sie. Sie wischte mir einen Stuhl ab und ich setzte mich. Ich hielt mein Paket fest und bemühte mich, nichts zu sehen und trotzdem die Augen offen zu halten.

"Wir sind Ihrem Vater so dankbar", sagte sie, "und Ihrer Frau Mutter. Wie gütig sie ist! Neulich hat sie Egon Fleisch mitgegeben für uns. Das ist so nett!"