Vielleicht würde manches Buch gerechter beurteilt werden, wenn der Leser sich über die Absicht des Autors immer im klaren wäre und das Werk an eben dieser Absicht messen würde, nicht an der eigenen Erwartung, die oft in eine andere Richtung zielt. In diesem Sinne kann ein Motto für den Eindruck entscheidend wirken. So schickt Reinhold Schneider seiner Dialogdichtung "Der große Verzicht" (Insel-Verlag, 280 S., Leinen DM 11,50) das Grabbe-Zitat voraus: "Übrigens ist auch das Drama nicht an die Bretter gebunden. Der geniale Schauspieler wirkt durch etwas ganz anderes als der Dichter, und das rechte Theater des Dichters ist doch – die Phantasie des Lesers."

Es ist also ein Lesedrama, ein historisches jener Art, deren erstes vollendetes Muster Gobineau in seiner "Renaissance" geboten hat. Aber, wie es sich bei Schneider von selbst versteht: die Historie ist nur Schale eines ideellen Kerns; ein geschichtlicher Vorgang wird zum Symbol, zu einem Brennpunkt, in dem sich die von vielen Seiten einschießenden Strahlungen eines großen Problems, einer großen, menschlichen Frage sammein. Das äußere Faktum ist jenes wohl ergreifendste Geschehen der gesamten Geschichte des Papsttums: der Thronverzicht Papst Coelestins V., der unter seinem Ordensnamen Petrus von Murrhone schon den Ruf eines gotterwählten, heiligmäßigen Mannes genossen, vielmehr: schwer getragen hatte. Der Würdigste von allen Lebenden, der Berufenste zum höchsten Amt der Christenheit wird auf den Heiligen Stuhl erhoben – und er fühlt sich nicht würdig. Zuerst ist es die Scheu vor der Erhöhung, die ihn bedrängt; dann aber das Bewußtsein seiner Schwäche gegenüber der Realität, die von dem Nachfolger Petri plötzlich vor allem weltliche Klugheit, männliche Härte, kühle Berechnung, Gewandtheit im Begehen auch mancher ungeraden Wege fordert. Die echte "Nachfolge Christi" zerbricht in dieser Welt, selbst auf diesem Platz – das ist die Erkenntnis, die Coelestin im Zentrum seines Lebens trifft – an dem Vorrang der Politik, der Gewalt, der Intrige. Der Neuerwählte schon fällt in Gefangenschaft. Er bleibt Gefangener, sogar der Gutmeinenden, die auf ihn hoffen. Der Heilige als Obrigkeit bleibt Widerspruch in sich. Seine stärkste Tat wird der Verzicht; aber die Verstrickung wirkt nach. Die Flucht in die Einsamkeit wird nicht mehr gestattet. Das Ende ist die vollendete Opferung im Interesse der Sicherung und Sicherheit des Amtes.

In der Größe des Gedankens, der dichterischen Freiheit der Sicht, der inneren Dramatik und der Kraft der sprachlichen Formung zählt dieses Buch zu dem Bedeutendsten, das Reinhold Schneider geschrieben hat. Die Aktualität des Problems – ob der Berufenste und Würdigste für ein höchstes Amt zugleich der Geeignete sein kann – liegt auf der Hand. Walter- – Abendroth