Italiens Sorge Nr. 1: Die Agrarreform – Gespräch mit Landwirtschaftsminister Segni

Von Hubertus Prinz zu Löwenstein Hubertus Prinz zu Löwenstein hat im Auftrage der "Zeit" Italien besucht (siehe sein Gespräch mit Graf Sforza in Nummer 18 unserer Wochenzeitung). Insbesondere studierte er die Verhältnisse in Calabrien, jenem Gebiet in der "Fußspitze" des italienischen "Stiefels", das man ein "Schlachtfeld des Kalten Krieges" genannt hat. In diesem Teil des Mezzogiorno, wo die bitterste Armut herrscht, verwirklicht die italienische Regierung Pläne der Landreform, während gleichzeitig die Kommunisten versuchen, die Spannungen auszunutzen und die ersten Früchte des Reformwerkes für sich selbst zu ernten. – Unsere Veröffentlichung beginnt mit einen Gespräch mit Antonio Segni, dem italienischen Minister für Landwirtschaft.

Wer die Situation des ‚Mezzogiorno‘, das heißt Süditaliens, studieren will, muß nicht nur die wirtschaftlichen und die sozialen, sondern vor allem auch die erzieherischen Aufgaben sehen!" sagte Minister Segni. "Dort unten lebt, ein kluges, arbeitsames, aber völlig verarmtes Volk. Man muß ihm das Gefühl für ein echtes Gemeinschaftsleben und für soziale Pflichten zurückgeben. Man muß dafür sorgen, daß zwischen den Landarbeitern, die jetzt Bauern werden sollen, und der Erde, die sie bearbeiten werden, eine innere Beziehung entsteht! Wer dies erreichen will, der muß den Menschen im Mezzogiorno ein gewisses Maß wirtschaftlicher Sicherheit und bessere und ruhigere Arbeitsbedingungen verschaffen. Da Sie aus Calabrien kommen, so werden Sie wissen, daß viele Menschen dort eine Art von Nomadenleben führen, das eine Bindung an das Land nicht aufkommen läßt ..."

Professore Antonio Segni, der Minister für Landwirtschaft, ist es, der für das Reformwerk der Regierung die oberste Verantwortung trägt. Er hat nicht umsonst die deutschen Landreformpläne genau studiert. Das Gespräch, das zu Rom in seinem Arbeitszimmer im Ministerium stattfand, wurde in großer Herzlichkeit und Offenheit geführt.

"Die neuen Siedler sollen das Land nicht geschenkt erhalten. Sie werden dreißig Jahre lang eine Abgabe leisten müssen. Der Wert des Landes wäre in ihren Augen gemindert, wenn sie es gratis erhielten und dann bestünde die Gefahr, daß sie es verließen oder weiterverhandelten ..."

"Wird es nicht erforderlich sein, die Menschen in Calabrien zu größerer Zusammenarbeit zu erziehen?", fragte ich. "Ich habe Kleinstbauern gesehen, die stundenlange Wege machten, um einige Kilo Oliven und einen Korb Orangen auf den Markt zu bringen. Keiner will dem anderen seine Produkte anvertrauen."

"Die Einrichtung von Kooperativen der kleinen Produzenten gehört zu den Hauptpunkten unseres Programms. Außerdem werden wir geschlossene bäuerliche Siedlungen, .Dörfer’, aufbauen." (Der Minister verwandte das deutsche Wort.) "In den Provinzen von Cosenza und Catanzaro haben wir sogar schon damit begonnen. Bis jetzt gibt es nur Städtchen, und die meisten liegen weit vom Meere entfernt."