M., Bamberg, im Mai

Da hat der Vorsteher des Finanzamts Rosenheim in Oberbayern an einen Bürger folgenden Brief geschrieben: "Sehr geehrter Herr! Aus den Rückstandsanzeigen habe ich entnommen, daß Sie mit Steuern und Abgaben in Rückstand gekommen sind ... Von Ihrer staatsbürgerlichen Einsicht überzeugt und in dem Bestreben, nichts unversucht zu lassen, um Ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen, wende ich mich persönlich an Sie ... Ich würde es mit Genugtuung begrüßen, wenn mein Appell Widerhall finden würde und es dem Finanzamt erspart bliebe, die Vollstreckung durchzuführen. Hochachtungsvoll Otmar Letz, Oberregierungsrat." Der in so galanter Form angesprochene Empfänger wußte sich keinen anderen Rat, als sofort zu zahlen – hatte er es doch mit einem Beamten zu tun und nicht mit einem Bürokraten.

Sehr anders dagegen die Geschichte vom bürokratischen Schulmann, die sich auch in Bayern zutrug. Hatte da das bayrische Kultusministerium foldende Entschließung getroffen: "Die Schularbeiten sind den Schülern zur Einsichtnahme durch die Eltern auf deren schriftlichen Antrag mit nach Hause zu geben." Ein durch demokratisches Gedankengut entarteter Vater bat daraufhin die Städtische Mädchenoberrealschule in Bamberg, von diesem Recht, daß die Elternverbände in zweijährigem Kampf der Obrigkeit abgetrotzt hatten, Gebrauch machen zu dürfen. Schließlich wurde ihm der unter Leitung von Oberstudiendirektor Dr. Weingärtner gefaßte Beschluß der Lehrerkonferenz mitgeteilt, nach dem für jede einzelne Schularbeit ein besonderes schriftliches Gesuch gestellt werden müsse ...

Wie hatte doch der bayrische Finanzminister gesagt: "Wir haben zu viele. Bürokraten und zu wenig Beamte. Der Unterschied zwischen beiden Typen ist nicht weniger groß als der zwischen einem Kurpfuscher und einem guten Arzt."